Der schiedsrichter, der züge und olympische finale pfeifft: adalberto capuani wird 100
Er pfeifft noch heute, wenn er erzählt. Kurz, scharf, wie ein Lokführer, der seine Lok aus dem Haltepunft rollen lässt. Nur dass Adalberto Capuani 1980 in Moskau nicht Güterwaggons, sondern die Wassergewalt von Weltmeistern in Bewegung setzte. USSR gegen Jugoslawien, Olympia-Finale, 8:7. Der Mann aus Civitavecchia war der Unparteiische, obwohl ihn die italienische Schwimmföderation gar nicht nominiert hatte.
Der capostazione, den die fina-chefs entführten
Javier Ostos Mora, mexikanischer Präsident der Fina, schickte einen Handzettel nach Latium: „Capuani kommt, koste es, was es wolle.“ Aldo Parodi, damals Chef der Federazione Italiana Nuoto, hatte Rino Merola eingeplant. Stattdessen stand Capuani auf der Beckenbrücke, pfeiffte zwei von drei Spielen, die die Medaillen verteilten. Die Sowjets gewannen Gold, weil sie sich gegen Ungarn durchsetzten und Jugoslawien in letzter Sekunde abwehrten.
Capuani selbst erklärt das mit einem Schulterzucken, das man hören kann, auch am Telefon. „Ich war der Beste. Das wusste jeder.“ Dabei hatte er nie eine Lehrstunde im Schiedsrichthandwerk erhalten. Sein Lehrplan bestand aus Fahrplänen, Dienstregeln und dem metallischen Kreischen der Lokomotive 735, die damals noch Dampf verschlang. Bahnhof Civitavecchia, Gleis 3, 5:42 Uhr – da lernte er, dass Pünktlichkeit Respekt erzeugt. Später wanderte dieser Respekt ins Wasser, wenn er mit der Doppelton-Pfeife Angriff und Gegenangriff trennte.

„Intransigent und konsequent“ – bis heute
Im September wird er 100. Die Stadt plant ein Fest im Freibad, das nach ihm benannt ist. Bürgermeister Ernesto Tedesco lacht: „Wir brauchen keine Redner, Adalberto erledigt das selbst.“ Tatsächlich: Capuani lehnt jede Betreuerschaft ab, kocht seinen Kaffee weiterhin auf dem Gasherd und diktiert Briefe an den neuen Wasserball-Verband, wenn Regelwerke zu weich geraten. „Pizzo und De Magistris haben mir Briefmarken geschickt, nicht Glückwünsche. Das reicht.“
Die Zahl, die alles sagt: 4.700 Spiele hat er geleitet, 38 internationale Turniere, null Rote Karte. Kein Verweis, weil er mit der Stimme strafen konnte. „Wenn du deutlich pfeifft, verstehen selbst die Balkan-Stürmer, dass Schluss ist.“
Und die Olympische Medaille, die er nie erhielt? Die hängt in seinem Kopf. „Gold kann dir keiner nehmen, wenn du weißt, dass du der Beste warst.“ Die Pfeife liegt noch im Schrank, neben der Bahnerlaubnis von 1963. Beides leise. Beides funktionsfähig.
