Debora silvestri verlässt klinik: horror-sturz von mailand-sanremo war nur der anfang

Sechs Tage nach dem Flug über die Leitplanke ist Debora Silvestri auf eigenen Füßen aus dem Krankenhaus spaziert. Die 27-jährige Italienerin trägt fünf gebrochene Rippen und eine mikrofrakturierte Schulter davon, doch ihre Lunge hat überlebt. Das nennt man im Peloton ein Wunder.

Die abfahrt, die fast alles beendet hätte

Am Poggio, 5,4 km vor dem Ziel, riss es die Laboral Kutxa-Fahrerin aus dem Verband heraus. Bilder zeigen, wie ihr Rad auf feuchtem Asphalt wegrutscht, sie sich überschlägt und wie ein Geschoss in die Tiefe schleudert. Zuschauer schrieen. Kolleginnen bremsten unkontrolliert. Der Rennarzt war nach 45 Sekunden vor Ort, doch Silvestri lag reglos da. Erste Befürchtung: Wirbelbruch. Zweite: Lungenkollaps.

Stattdessen diagnostizierten die San-Raffaele-Ärzte nur Rippenfrakturen – fünf an der Zahl – und eine Schulter, die knapp hartes Gewebe verschonte. Kein Schädel-Hirn-Trauma, kein Brustkorb-Einsturz. „Sie hat Glott im Unglück gehabt“, sagt Teamarzt Dr. Aitor Urkia lapidar. Die Verletzungen sind ernst, aber nicht lebensbedrohlich. Silvestri atmete sofort wieder, konnte sich kurz nach dem Sturz noch bewegen. Das rettete ihr Leben.

Warum ihre genesung schneller geht als befürchtet

Warum ihre genesung schneller geht als befürchtet

Die Italienerin profitiert von zwei Faktoren: ihrer jungen Alveolen und ihrem niedrigen Körperfett. Profisportlerinnen haben höhere Sauerstoffsättigung, deshalb heilen Rippen bei ihnen durchschnittlich zehn Tage schneller. Hinzu kommt: Silvestri hatte keine Vorerkrankungen, ihr Eisenwert lag vor Mailand-Sanremo bei 15,8 µg/dl – ein Wert, für den mancher Amateurläufer töten würde.

Das Laboral Kutxa-Management verlegte sie sofort in ein Reha-Zentrum nach Varese. Dort trainiert sie seit gestern auf dem Rollentrainer, 30 Minuten mit 120 Watt. Die Schmerzen sind laut Staffage „erträglich, wenn sie das Morphin reduziert“. Ein Rückflug nach Hause ist für Freitag geplant, wo sie in ihrer Wohnung in Cesena einen speziellen Atemtrainer nutzen wird.

Die stunde null kommt in vier wochen

Die stunde null kommt in vier wochen

Teamchef Jon Azkueta kündigt an: „Wenn die Rippen in 28 Tagen verheilt sind, kann sie wieder aufs Rad steigen.“ Das würde bedeuten: Silvestri verpasst die Giro Donne (30. Juni bis 9. Juli), steht aber rechtzeitig zu den europäischen Straßen-WM-Anfang September zur Verfügung. Ihr Vertrag läuft 2025 aus, also steht viel auf dem Spiel. Die Italienerin sagt via Instagram: „Ich will nicht nur zurückkommen – ich will angreifen.“

Für das Peloton ist der Vorfall ein Weckruf. Die Abfahrt auf dem Poggio wurde in diesem Jahr neu asphaltiert, die Organisatoren verzichteten auf Regen-Felgen-Kontrollen. Laut Daten der UCI gab es seit 2019 drei schwere Stürze auf der gleichen Stelle, zwei davon mit Krankenhausaufenthalt. Die Rennleitung prüft nun, die Strecke künftig bei Nässe zu kürzen – was Traditionsfans empören würde.

Silvestri selbst sieht das anders: „Ich werde 2025 wieder runterfahren. Nur diesmal mit besserem Reifen-Druck.“ Die Verletzungen heilen, der Mut bleibt. Und die Geschichte vom Mädchen, das fast vom Himmel fiel, bekommt ein zweites Kapitel – geschrieben auf italienischem Asphalt.