Davos schlägt zug 4:1 – diaz’ albtraum, kessler’s killerinstinkt
Die Scheibe schlingert, der Ticker tickt, das Herz rast. 59:47 Minuten steht auf der Uhr im Stockhorn, da zieht Tino Kessler aus spitzem Winkel ab – 2:1, Davos. Sekunden später explodiert die Bündner Bank, während im Gästeblock die Köpfe sinken. Mit diesem Tor schickt der HCD den EV Zug vorzeitig in den Sommer und sich selbst in den Halbfinal.
Die beste mannschaft hat gewonnen – und das war nicht zug
„Wir haben die Serie angegriffen, nicht verwaltet“, sagt Kessler nach dem 4:1 im entscheidenden fünften Spiel. Die Energie, von der er spricht, war greifbar: 44 Checks, 28 Blockschüsse, ein Powerplay, das in Spiel eins und drei die Zuger psychologisch zerlegte. Davos spielte mit dem Killerinstinkt, den Zug in dieser Saison nur selten zeigte.
EVZ-Coach Benoit Groulx zuckt nach der Partie mit den Schultern. „Die beste Mannschaft hat gewonnen“, wiederholt er wie ein Mantra. Dahinter steckt mehr als Fairness. Es ist das Eingeständnis, dass seine Träger in den entscheidenden Momenten zu langsam, zu ideenlos, zu ängstlich waren. Besonders das erste Drittel von Spiel 5 war ein Lehrstück darin, wie man sich selbst abschaltet: drei Turnovers in der neutralen Zone, zwei davon führen direkt zu Toren.

Raphael diaz zählt die verlorenen sekunden
Im Mixed Zone steht Raphael Diaz, Handtuch um den Hals, Stimme wie Sandpapier. „Das 1:3 in Davos, das hätten wir eigentlich nach Hause fahren müssen“, sagt er. Es klingt, als würde er die Szene immer noch abspulen: 3:1-Führung, 14 Minuten vor Schluss, dann der Kollaps. „Danach haben wir nie wieder richtig Luft geholt.“ Der 37-jährige Verteidiger spricht von „bösen kleinen Fehlern“, die sich wie ein Virus durch die Reihen fraßen. Ein Vorwurf? „Nein, das ist Leistungssport. Wer nicht 60 Minuten konzentert ist, fliegt raus.“
Diaz weiß, wie schnell sich Karrieren drehen. Seine Vertrag läuft aus, die Familie fragt, was Sache ist. „Das kläre ich in Ruhe“, sagt er und verschwindet im Flur. Dahinter wartet schon die nächste Mikrofonwand.

Fragen bleiben offen – groulx schweigt
Die größte Leerstelle sitzt neben dem Coach. Groulx’ Zukunft ist offen, und er macht keinen Hehl daraus, dass er das Thema gerade nicht bedienen will. „Nicht für jetzt“, wehrt er ab, als Reporter nach Vertragsgesprächen fragen. Der Kanadier hat zwei Jahre in Zug gearbeitet, zwei Meisterschaften gewonnen, doch diese Serie nagt. „Wir haben Systeme gehabt, die funktionierten“, sagt er. „Aber Systeme helfen nicht, wenn das Tempo fehlt.“
Die Statistik lügt nicht: Davos gewann 56 Prozent der Zweikämpfe, verwandelte 27 Prozent seiner Powerplays, Zug nur 11. Die Torschützen der Zuger? Leon Bristedt und Sven Senteler – beide nur einmal erfolgreich. Das ist kein Zufall, das ist ein Muster.

Der countdown für den evz beginnt jetzt
Am Freitagmorgen räumen die Stadionarbeiter schon die Banden ab, die Saison ist binnen zwölf Stunden Geschichte. Sportchef Jan Alston muss entscheiden, ob er an Groulx festhält, welche Youngster reif sind für den Sprung, wie er den Kader schneller macht. Die Fans diskutieren auf WhatsApp-Gruppen, ob ein Schlussmann-Wechsel reicht oder ob die Komplettsanierung der dritten Reihe fällig ist.
Davos reist unterdessen nach Genf, wo bereits der SC Bern wartet. Für Zug heißt es: Sommer, Sonne, Ungewissheit. Die Serie endete mit einem Paukenschlag – doch der Nachhall wird noch Wochen nachklingen.
Am Ende zählt nur eine Wahrheit: Wer nicht trifft, fliegt. Und Zug traf einfach zu selten.
