Caster semenya schlägt zurück: ioc-gen-test ist ein schlag ins gesicht aller frauen

Die zweimalige Olympiasiegerin Caster Semenya lässt nicht mehr mit sich spaßen. Als das IOC am Donnerstag die Rückkehr der genetischen Geschlechtstests für Los Angeles 2028 verkündete, antwortete sie mit einem Wort, das durch die Kontinente hallt: „Respektlosigkeit.“

Kirsty coventry gerät ins visier

Kirsty coventry gerät ins visier

Die Südafrikanerin zielt dabei nicht auf irgendein anonymes Komitee, sondern auf eine Frau, die eigentlich ihre Verbündete sein müsste: Kirsty Coventry, IOC-Präsidentin, Simbabwerin, Afrikanerin. „Sie kennt die Geschichten unserer Mütter, sie kennt das Beten vor jeder Geburt, sie kennt die Stille, wenn ein Mädchen zu laut wird“, sagt Semenya in Kapstadt, während ihre Stimme brüchig wird. „Dass sie nun dieses SRY-Gen-Screening durchboxt, ist für mich persönlich verletzend.“

Die Regel ist so einfach wie brisant: Ein einmaliger DNA-Check auf das SRY-Gen soll künftig entscheiden, wer als „biologische Frau“ starten darf. Wer das Gen aufweist, fliegt raus – egal, wie lange sie schon trainiert, wie viele Titel sie errungen hat, wie sehr sie sich als Frau fühlt. Das IOC spricht von „Fairness und Sicherheit“, doch klingt das für Semenya wie ein Echolot aus den 90ern, als Geschlechtstests zuletzt in Atlanta 1996 auf dem Programm standen und Athletinnen zur Röntgen-Show degradiert wurden.

Die 800-Meter-Weltklasse-Läuferin kennt diesen Kampf. Jahrelang zog sie vor CAS, Schweizer Gerichte, europäische Menschenrechtsgerichte, um sich gegen Testosteron-Obergrenzen zu wehren. Sie gewann, verlor, gewann wieder – und musste trotzdem zusehen, wie ihre Startchancen geschrumpft sind. Nun droht ihr mit 35 Jahren ein erneuter Albtraum. „Ich bin keine Labornummer, ich bin Caster“, sagt sie und schlägt mit flacher Hand auf das Pult.

Das IOC folgt damit dem Beispiel von World Boxing und World Athletics, die schon ähnliche Richtlinien fahren. Die Begründung stets dieselbe: ein vermeintlicher Wettbewerbsvorteil. Doch die Wissenschaft ist längst nicht so eindeutig, wie die Verbände tun. Endokrinologen sprechen von einem „biologischen Spektrum“, das sich nicht in Ja/Nein-Fragen pressen lässt. Studien zeigen, dass das SRY-Gen allein keine Leistungsüberlegenheit garantiert – genauso wenig wie ein längeres Bein oder ein höherer VO2max-Wert.

Semenya lacht bitter. „Plötzlich sind alle Biologen, alle Ethiker, alle Schiedsrichter meines Körpers.“ Sie wirft den Blick gen Himmel, als suche sie dort eine Antwort. „Aber keiner fragt, wie es ist, wenn du morgens aufwachst und in der Zeitung liest, dass deine Identität per Dekret annuliert wird.“

Der Zeitplan ist eng: Bereits 2026 sollen die ersten Pilot-Tests anlaufen, 2028 in Los Angeles wird Vollzug verlangt. Für Athletinnen aus dem globalen Süden bedeutet das oft die doppelte Katastrophe: weniger Zugang zu rechtlicher Vertretung, mehr Stigmatisierung in konservativen Gesellschaften. „Wir werden wieder in Kabinen gesteckt, wieder mit Fingerzeig belohnt, wieder schweigen müssen“, sagt Semenya.

Das IOC bleibt hart. Coventry ließ durchblicken, man habe „die Stimmen der Mehrheit der Sportlerinnen“ gehört. Welche Mehrheit – das lässt sie offen. Interne Umfragen wurden nicht veröffentlicht, Zahlen bleibt das Kommen verschwiegen. Lo que nadie cuenta ist: Die Verbände fürchten Klagen von Athletinnen, die hinterher jammern, sie seien „betrogen“ worden. Also schaltet man lieber vorsorglich den Riegel vor – auf Kosten von Caster und ihren Schwestern.

Am Kapstadter Strand, wo sie als Teenager ihre ersten Schritte auf der Bahn zog, schaut Semenya aufs Meer. „Ich werde nicht aufhören zu laufen, egal was sie erfinden.“ Ihre Stimme wird leise, aber stahlhart. „Wenn LA 2028 kommt und sie mich ausschließen, dann laufe ich eben draußen, auf der Promenade, mit jedem Mädchen, das sie ebenfalls für „nicht weiblich genug“ halten.“

Die Welle schlägt gegen den Pfahl. Ein Kind ruft „Caster, Caster!“ und will ein Selfie. Semenya lächelt, aber ihr Blick bleibt scharf. „Das ist nur der Anfang. Wir werden vor Gericht gehen, wir werden die Straße nehmen, wir werden die Wahrheit über unseren Körper erzählen – immer und immer wieder.“

Los Angeles 2028 rückt näher, doch schon jetzt steht fest: Die Kampflinie ist nicht die 800-Meter-Bahn, sondern das Menschenrecht auf Selbstbestimmung. Und Caster Semenya hat ihre Laufschuhe schon geschnürt.