Bronze-blitz aus pelkum: wicker schockt die paralympics-supermächte
Anja Wicker hat es in Tesero krachen lassen. Die 34-Jährige aus dem badischen Pelkum schraubt sich nach zwei Schießfehlern und 1:11 Minuten Rückstand aufs Podest – und riss das deutsche Team beim ersten Wettkampftag mit. „Ich habe es spannend gemacht, klar“, lacht die Biathletin mit dem breitesten Grinsen im Ziel, „aber genau das ist mein Sport: Turbulenz bis zur Zielgerade.“
Masters zieht davon, wicker hält dagegen
Oksana Masters legt vor – fehlerfrei, 16 Sekunden Vorsprung, die zehnte Goldparade. Dahinter tobt der Rest des Feldes. Wicker stemmt sich mit ihrem nagelneuen Schlitten, den sie erst im Dezember zusammen mit der FES entwickelte, durch die Schneise aus Eis und Druck. Zweimal klappert die Scheibe, doch die Laufleistung ist so explosiv, dass selbst die US-Doppelspitze kurz innehält. Andrea Eskau, Neunte der ewigen Rangliste, bleibt zwar ohne Strafrunde, kann die 2:35 Minuten aber nicht mehr aufholen. Rang acht – verschmerzt, weil der Deutsche Ski-Verband endlich wieder Edelmetall riecht.
Bundestrainer Ralf Rombach atmet tief durch. „Bronze am Auftakt verändert die Chemie im Camp“, sagt er, während nebenan die Physios schon den Sonntag planen: Einzel, Sprint-Verfolgung, Skilanglauf – drei Startmöglichkeiten, um die Medaillen-Quittung zu verdoppeln. „Der Flow ist da, jetzt zählt nur noch, wie wir ihn konservieren.“

Wechsel, wut und ein blick nach vorn
Die Geschichte dahinter ist pure Sport-Romantik. Erst vor vier Monaten tauschte Wicker ihren Alu-Schlitten gegen ein Carbon-Chassis, das in der FES-Werkstatt nahe Stuttgart entstand. „Mein altes Brett war ein treues Pferd, aber im Sprint zählt jeder Gramm“, erklärt sie und klopft gegen die flache Kufe. Die Technik-Chefs verpassten der Sitzposition zwei Millimeter mehr Neigung – nicht viel, aber genug, um aus der Kurve wie ein Geschoss zu starten.
Die 54-jährige Andrea Eskau nickt anerkennend. Neun Paralympics, kein Ende. „Ich bin heute die Jüngste im Kopf“, sagt sie trocken, „morgen vielleicht wieder die Schnellste.“ Ihre fehlerlose Schießleistung ist Programm – „Null-Magnum“ nennen das die US-Boys hinter den Kulissen. Doch Skilanglauf ist ein Ausdauergame, und hier liegt Masters momentan in einer eigenen Galaxes.
Die Zahlen sprechen trotzdem für Deutschland: Zum ersten Mal seit Sotschi 2014 springt wieder eine deutsche Frau aufs Podest. Drei Medaillen fehlten in Peking, jetzt ist die Durststrecke beendet. Wicker selbst sieht das locker: „Ich bin 34, keine 54. Noch ist Luft.“
Was sonntag auf dem programm steht
Um 11:00 Uhr Ortszeit geht’s ins Einzelrennen, 15 km, fünf Schießeinlagen. Die Loipe in Tesero ist ein Pulverfresser: Minus neun Grad, dicht gepresster Neuschnee, hohe Spurrillen. Wicker trainierte dort vor zwei Wochen mit GPS-Analyse – ihre Schießzeiten liegen im Weltcup-Durchschnitt 1,3 Sekunden unter dem Feld. „Wenn ich die Scheiben sauber halte, kann ich angreifen“, sagt sie und schwingt sich bereits wieder auf den Rollstuhl, Richtung Cool-Down. Eskau packt ihre Steigereisen ein, Masters checkt die Bindung – alle wissen: Nach dem ersten Kracher folgt der zweite. Und Deutschland hat endlich wieder eine Heldin, die mitlacht, mitlügt, mitliefert.
