Brignones mutter packt aus: „skifahren ist für sie kein ergebnis, sondern ein feuer“

Federica Brignone hat alles gewonnen – zweimal Olympia-Gold, zweimal die Kristallkugel – und ihre Mutter Ninna Quario erzählt, warum sie seit zwölf Jahren aufhören will. Die Antwort ist keine Sportlerklischee, sondern ein Familienbuch voller Abrisse und Leidenschaft.

„Sie sagt es seit ihrem 18. geburtstag, ich glaube ihr einfach nicht mehr“

„Sie sagt es seit ihrem 18. geburtstag, ich glaube ihr einfach nicht mehr“

Die Worte fallen im Hotelzimmer von Cortina, drei Stunden nach dem Riesenslalom-Sieg. Ninna sieht ihre Tochter erschöpft auf dem Bett liegen und schlägt vor: „Sag morgen in der Pressekonferenz, dass du aufhörst.“ Federica lacht nur. Dasselbe Lachen, das sie hatte, als sie mit eineinhalb Jahren aus dem Feriengeschäft zwei Plastikski klaute und nicht mehr hergab. Seitdem ist jedes Jahr ein Abschiedsjahr – und keiner wurde wahr.

Ninna selbst war 16 in der Weltcup-Startliste, 17 auf dem Podest, mit 24 weg vom Ski. Nicht wegen eines Knies, sondern wegen eines Gefühls: „Der Trainer war weg, die Motivation auch.“ Sie ging zum Magazin „Sci“ und schrieb statt zu fahren. Ihre Tochter sollte das nicht wiederholen, also wurde das Skifahren bei den Brignones zur Familienlogik. Papa Daniele ist Skilehrer, Mama Ninna Ex-Rennläuferin, Bruder Davide langjähriger Weltcup-Fahrer. Das Mittagessen ist ein Taktikgespräch, der Sonntagsspaziergang eine Schneeanalyse.

Dennoch: „Wir sind das Gegenteil von Andre Agassis Vater“, sagt Ninna. „Kein Drill, kein Zwang, nur Schnee.“ Als Kind durfte Federica lieber im Garten Schneemänner bauen als Slalom trainieren. Erst als sie selbst fragte, ob sie „so wie Davide“ fahren dürfe, ging es los. Die Elschenki aus dem Supermarkt wurden im Keller geschliffen, die Garage zum Wachsraum umfunktioniert. Die Quarios zogen von Ivrea ins Aostatal, nicht um eine Karriere zu erzwingen, sondern weil Ninna schon immer in den Bergen leben wollte. Der Nebeneffakt: 1.200 Höhenmeter Training vor der Haustür.

Die Verletzung letzten Winter hätte alles beenden können. Ein Tor im Riesenslalom öffnete sich nicht, Federica rutschte hinein, Kreuzband, Meniskus, Saison vorbei. Ninna flog nach Sofia, saß im Hospital und merkte: „Sie redet nicht über Schmerzen, sondern über Schneekristalle.“ Zwei Monate später stand Brignone in Saalbach wieder auf dem Podest – mit einer Kniebandage, die wie ein modisches Accessoire aussah.

Die größte Angst der Mutter? Nicht die Geschwindigkeit, sondern das Downhill-Rennen mit dem Mountainbike im Sommertraining. „Da ist sie wirklich verrückt.“ Die schönste Erinnerung? Der Gigant vom Sestriere 1983, Ninnas letzter Sieg, Italiens letzter Jubel vor dem Fernseher mit Röhrengewand. Bei Federica war es der WM-Gigant 2023: „Da fuhr sie nicht gegen die Konkurrenz, sondern mit dem Ski durch ihre eigene Geschichte.“

Und jetzt? Die Kristallkugel steht im Regal, die Goldmedaille liegt neben dem Babyphone. Ninna träumt von Enkeln, „die ich noch auf die Piste bringen kann, bevor ich zu breit bin für die Skistiefel“. Federica schreibt auf Instagram „Saisonende“, meint aber: „Ich brauche nur Powder, dann komm ich wieder.“

Die Macher des Weltcups planen bereits mit ihr für 2026. Ninna schüttelt nur den Kopf: „Sie wird nie aufhören, sie wird nur mal länger Pause machen.“ Und dann, irgendwann in einem verschneiten April, steht ein einjähriges Kind mit klauenden Plastikski vor der Tür der Quarios – und die Geschichte beginnt von vorn.