Harnik ballert weiter, bremst beim thema trainer: „familie steht über karriere“

Martin Harnik könnte sich locker ein zweites Leben als Netflix-Serienheld gönne – stattdessen schuftet der 38-Jährige Samstag fürs TV und Sonntag in der Oberliga Hamburg. Das Fazit nach 90 Minuten gegen den VfL Lohbrügge: zwei Tore, ein Assists, ein Geständis. „Ich brenne lichterloh, aber meine Kinder sollen ihren Vater nicht nur vom iPad kennen“, sagt er und wischt sich dabei Torgras aus dem Bart.

Wontorriors, dassendorf, doppellaufs: wie harnik seine woche aufteilt

Montag bis Freitag steht er mit Laura Wontorra in der Icon League vor der Kamera, analysiert Rabona-Tore und twittert mit #Ballerniveau. 48 Stunden später zieht er das Orange-rote Trikot der TuS Dassendorf über, tritt als libero agierender Linksaußen an und schießt Gegner mit 34-jährigen Oberschenkeln in die Grundordnung. Beide Jobs zahlen kein Bundesliga-Gehalt, dafür Adrenalin pur.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: zwölf Einsätze in dieser Oberliga-Saison, neun Scorer-Punkte – dazu ein Schnitt von 11,2 km Laufleistung. „Ich messe alles, bin ein Daten-Nerd“, lacht er. Keine Kunst für jemanden, der einst mit Christian Gentner und Vedad Ibišević die VfB-Abwehr dirigieren durfte.

Trainer-ikone oder papa-pause – das dilemma hinter der entscheidung

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Sein Fußballverstand ist längst kein Geheimnis mehr. Sky schickt ihn für Zweitliga-Spitzenspiele, die DFB-Akademie bucht ihn für Scouting-Workshops. Trotzdem lehnt er erste Anfragen aus dem Nachwuchs-Bereich ab. „Ich habe gesehen, wie Kollegen nach zwei Jahren U17 aussahen – grau im Haar, getrennt von der Familie. Dafür fehlt mir der Masochismus“, sagt er trocken und zückt stattdessen ein Foto von Sohn Lio (5) und Tochter Emma (2) auf dem Handy.

Die Rechnung ist simpel: Wer in der Jugend-Bundesliga aufrücken will, braucht 60-Stunden-Wochen, Elterngespräche um Mitternacht, Dauerdiskussion über Spielphilosophie. „Ich will meine Kinder beim Einschlafen nicht nur per FaceTime sehen. Solange meine Knie mitmachen, bleibe ich Spieler statt Cheftrainer“, betont er und klopft sich auf die rechte Patellasehne, die ihm 2019 beim HSV fast die Karriere gekostet hätte.

Warum die icon league mehr ist als ein tv-gimmick

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Zwischen den Sätzen verrät Harnik, dass die Promi-Serie längst Scouting-Charakter hat. „Wir haben zwei Jungs aus Wedding, die hier von niemandem gesehen wurden – jetzt haben sie Probetraining bei einem Regionalligisten. Das ist sozialer Aufstieg via Youtube“, schwärmt er. Für ihn ist das Format ein Testlabor: Wie erklärt man einem 17-Jährigen Laufwege, wenn 300 000 Leute zuschauen? Antwort: Kurz, klar, unterhaltsam. Genau das, was moderne Trainerausbildung verlangt.

Und so steht Harnik am sonnigen Mai-Nachmittag mit Schweißperlen auf der Stirn zwischen Elfmeterpunkt und Mikrofon. Die Karriereuhr tickt, die Familienplanung ebenfalls. Er selbst nimmt’s mit einem Lächeln: „Ich habe 356 Tore in Profistadien geschossen. Wenn ich 400 in der Oberliga brauche, um glücklich zu sein, ist das ein Luxusproblem“. Kein Pathos, kein Blick zurück – nur ein Ex-Profi, der weiß, dass manchmal Stillstand die schnellste Richtung ist, solange der Rasen unter den Stollen knirscht.