Borussia-park vor spätestem stunden-nachtschlag: st. pauli will 16 jahre gladbach-sorgen fortsetzen
Um 20.30 Uhr leuchtet das Borussia-Park-Floodlight wie ein Notruf für die Fohlen: Mit 25 Punkten aus 25 Spielen steht Borussia Mönchengladbach vor dem eigenen Publikum unter Zugzwang, der FC St. Pauli nur einen Rang und einen Zähler dahinter – und trotzdem ist der Club von der Reeperbahn derzeit das Formteam.
Die klingende zahlen-lüge
Die Tabelle lügt selten, sagt man. Stimmt nicht. Sie schweigt. Denn wer die letzten fünf Partien betrachtet, sieht St. Pauli mit zehn Punkten auf Platz eins einer Mini-Tabelle, die nur Bayern und Leipzig übertreffen. Gladbach gewann nur eins der vergangenen neun Spiele, erzielte dabei nie mehr als ein Tor – und das trotz 25 Prozent Kopfballtor-Anteil, Liga-Bestwert. Die Elf von Eugen Polanski muss also heute gewinnen, um nicht in die Rutschfalle zu geraten, die 2010/11 schon einmal das schwächste Jahr seit der Rückkehr in die Bundesliga war.
Der Gegner reist ohne James Sands (Sprunggelenk) und Manolis Saliakas (muskulär) an, aber mit Selbstvertrauen. Die Kiezkicker sind seit drei Liga-Spielen ungeschlagen, holten in Sinsheim den zweiten Auswärtssieg der Saison. Gladbach muss auf Kapitän Rocco Reitz verzichten – 552 Pässe in der gegnerischen Hälfte und 111 Ballgewinne, beides Team-Bestwert, fehlen mit ihm.

Kopfball-duell und standard-gift
Die Geschichte der Saison ist die Geschichte der Standards. St. Pauli erzielte 48 Prozent der Tore nach Ecke oder Freistoß, Gladbach profitiert von der Kreuzaufschlag-Stärke von Kō Itakuras Kopf – wenn der Japaner trifft, gewannen die Fohlen die letzten drei Heimspiele. Die Hamburger wiederum lassen 19,2 gegnerische Pässe außerhalb des eigenen Drittels zu, ehe sie reagieren – höchster PPDA-Wert der Liga. Das bedeutet: Wer zuerst drückt, kann das Spiel drehen, bevor die Gegenpresse anspringt.
Die personelle Hoffnung trägt das Gesicht eines 17-Jährigen: Wael Mohya, jüngster Gladbach-Torschütze aller Zeiten, könnte heute zum zweitjüngsten Doppel-Torschützen der Bundesliga-Geschichte aufsteigen. Auf der Gegenseite wartet Haris Tabaković, der in 36 Prozent seiner Einsätze traf – eine Quote, die sich gegen die nach Standards anfällige Kiez-Defensive bezahlt machen könnte.

Revanche oder wiederholung?
Die Saison-Bilanz ist verrückt: Gladbach feierte im Oktober am Millerntor einen 4:0-Kantersieg – geteilter höchster Pflichtspiel-Sieg der Fohlen in dieser Spielzeit. Zwei Monate später schlug St. Pauli im Pokal-Achtelfinale mit 2:1 zurück. Die Hamburger gewannen zwei der letzten drei Pflichtspiele am Niederrhein, nachdem sie zuvor zehn Mal in Folge dort leer ausgingen. In den vergangenen sechs Auswärtsauftritten der Kiezkicker fiel stets ein Tor vor dem Seitenwechsel – ein Muster, das sich heute wiederholen könnte.
Sky überträgt live, der Liveticker läuft bei uns. Der Druck sitzt in Gladbach, der Schwung in St. Pauli. Die Frage ist nicht, wer spielt, sondern wer zittert – und ob am Ende die Tabelle doch die Wahrheit sagt oder die Form den Sprung über die Zeitlinie schafft.
