Böller wirft ahlen ins chaos: wattenscheid siegt im geisterspiel

Die Schreckensszenen begannen in der 66. Minute, aber sie hatten sich schon lange angekündigt. Ein Knall, Rauch, dann Stille – und plötzlich stehen 20 Vermummte am Zaun, die Polizei zieht die Waffe, der Schiri bricht ab. Rot Weiss Ahlen gegen Wattenscheid 09 endet nicht mit dem Abpfiff, sondern mit Handschellen.

3:1 stand es für den Tabellenführer, als ein Böller neben Assistent Patrick Tarnowski detonierte. Schiedsrichter Niklas Simpson wartete keine Sekunde, pfeift sofort ab. Spiel ab, Saison krachend unterbrochen. Die Entscheidung ist laut Regelwerk korrekt, doch das Protokoll kann nicht erfassen, wie schnell danach alle Grenzen fielen.

Pyrotechnik, platzsturm, festnahmen – die eskalationskaskade

Bereits vor dem Anpfiff zogen Bengalos ihre giftigen Schwaden durch das Wersestadion, der Dauersprecher mahnte vergeblich. Dann der Knall, danach der Angriff: Rund 25 Ahlener Hooligans stürmten den Innenraum, warfen Eisenstangen, rissen Absperrgitter um. Ordner flüchteten sich auf das Spielfeld, zwei Beamte verletzt, sieben Festnahmen. Wattenscheids Fans bleiben laut Polizei außerhalb der Gewaltschleuder – diesmal ist der Schaden hausgemacht.

Doch das war nur die Halbzeit. Draußen am Parkplatz fliegen Bierbänke, ein 19-Jähriger trägt eine Rasierklinge, zwei Hunde fahren mit, die Hundebeißerei endet mit Platzverbot für das ganze Gelände. Selbst Journalisten müssen unter Polizeischutz das Stadion verlassen. Der Bahnhof Ahlen wird kurzfristig gesperrt, Züge rollen durch, Reisende schauen entsetzt auf die wüstende Meute.

Was jetzt mit den punkten zählt – und was mit ahlen droht

Was jetzt mit den punkten zählt – und was mit ahlen droht

Die Wertung steht noch offen, doch der DFB-Regelkanon ist klar: Wer seine eigene Arena nicht sicher bekommt, verliert die Partie mit 0:2, plus Geldstrafe und Geisterspiel-Aufschlag. Für RWA winkt der nächste Rückschlag nach dem Lizenzentzug 2020. Für Wattenscheid dagegen der perfekte Coup: drei Punkte ohne Schweiß, die Tabellenführung unterm Strich noch stabiler.

Am Montagmorgen ruft der Verein zu „vollumfänglicher Aufarbeitung“ auf, kündigt Stadionverbote an, doch die Fans schlagen zurück: in den sozialen Netzwerken kursiert schon ein Video, das den Knall aus anderer Perspektive zeigt – und neue Verschwörungstheorien schürt. Die Polizei sichert Handys, prüft weitere Haftbefehle. Der Kreisliga-Alltag ist längst wieder eingekehrt, aber das Echo des Knalls wird noch Wochen durch die Amateurkabinen donnern.

Am Ende steht eine Bilanz, so schmutzig wie der verkokelte Rasen: sieben Verletzte, zwei Polizehunde mit Stresspuls, ein Spieltag zerstört, und ein Imageschaden, der sich in keiner Tabelle ablesen lässt.