Blübaum schlägt zurück: deutscher gm wirft sich in wm-vorwahlkampf

Er galt als Außenseiter, jetzt sitzt Matthias Blübaum aus Lemgo in Nikosia am Board und spielt gegen die Elite der Schachwelt. Der 28-Jährige ist der erste Deutsche seit 33 Jahren, der sich für das Kandidatenturnier qualifiziert hat – und damit einen Schritt vor die Weltspitze rückt.

Von lemgo nach zypern: blübaums langer marsch

Seine Erfolgsserie begann 2025 mit dem zweiten Gewinn der Europameisterschaft. Seitdem kletterte der Mathematik-Master stetig in der Elo-Liste, aktuell auf Platz 32. „Ich gehe als Underdog rein“, sagt er selbst, doch das täuscht. In den vergangenen zwölf Monaten schlug er Carlsen-Bezwinger Gukesh und brachte Fabiano Caruana an den Rand einer Niederlage. Die Konkurrenten sprechen mittlerweile von ihm als „stillen Killer“ – jemanden, der sich nicht ins Blickfeld drängt, aber zur entscheidenden Zugnummer schlägt.

Das Turnierformat ist simples Gemetzel: Jeder spielt zweimal gegen jeden, 14 Partien in 20 Tagen. Wer punktet, fliegt nach Indien, um den amtierenden Weltmeister herauszufordern. Blübaum hat sich auf rasches Mittelspiel und endspielstarke Technik spezialisiert – eine Mischung, die in Schnellschach-Playoffs schon oft für Extrazähler sorgte. Sein Sekundantenteam um GM Klaus Bischoff hat zudem eine Datenbank mit 18 000 Gukess-Partien angelegt. „Wir kennen seine Vorlieben besser als er selbst“, sagt Bischoff nur halb im Scherz.

Deutschland schaut wieder aufs schachbrett

Deutschland schaut wieder aufs schachbrett

Der Hype ist real: Die Schachbund-Live-Übertragung verzeichnete am ersten Spieltag 1,2 Millionen Abrufe – Rekord für eine deutsche Sendung ohne Fußball. Blübaums Twitter-Account wuchs von 4 800 auf 23 000 Follower. Der TSV Pelkum richtet Public-Viewings aus, die Sparkasse Lippe wirbt mit seinem Konter. Sogar Olaf Scholz twitterte: „Matthias zeigt, dass Köpfchen und Durchhaltevermögen zählen.“

Doch Blübaum selbst bleibt cool. Zwischen den Runden joggt er am Mittelmeer, hört Kraftklub und analysiert mit Stockfisch-Engine bis drei Uhr morgens. „Ich will nicht nur dabei sein, ich will gewinnen“, sagt er nach Sieg Nummer zwei gegen Hikaru Nakamura. Mit 3,5 Punkten aus fünf Partien liegt er vor dem Resttag auf Tuchfühlung zu Spitzenreiter Alireza Firouzja. Die Quoten der britischen Buchmacher sind von 34:1 auf 7:1 gesunken.

Die WM-Chance ist kein Zufall. Blübaum hat vier Jahre lang in Vollzeit trainiert, seine Eröffnungsrepertoires neu aufgestellt und seine Blitz-Elite von 2678 auf 2784 hochgeschraubt. „Früher wollte ich brillant sein, heute will ich effizient“, sagt er. Effizienz könnte ausreichen, um 35 Jahre nach Robert Hübners letztem deutschen WM-Vorstoß wieder ein deutsches Gesicht ins Finale zu bringen. Wenn er die 14 Partien übersteht, steht am 19. April in Kalkutta möglicherweise ein Lemgoer gegen einen 19-jährigen Inder – und die Schachwelt hält den Atem an.