Birte brüggemann wirft hin: nach 20 jahren verlässt die architektin des werder-frauenfußballs den klub
Sie baute aus einem Kleinstadtprojekt eine Bundesliga-Institution, führte Werders Frauen ins Pokalfinale – und jetzt ist Schluss. Birte Brüggemannverabschiedet sich Mitte März nach fast zwei Jahrzehnten als Leiterin des Frauen- und Mädchenfußballs vom SV Werder Bremen. Die Nachfolge ist offen, die Lücke riesig.
Ein abschied, der selbst den vorstand kalt erwischt
Clemens Fritz, Geschäftsführer Fußball, spricht von „außergewöhnlichem Engagement“, doch hinter den Kulissen war die Trennung längst kein Gemeinschaftsbeschluss. Brüggemann ging auf ihn zu, sagte: „Ich brauche frischen Wind.“ Der Klub zog mit, um nicht gegen ihren Willen zu arbeiten. Innerhalb von zwei Wochen wurde ein Übergangsmodell gebastelt, das bis zur Winterpause reicht – länger wollte sie nicht mehr.
Seit 2007 lenkte die Fußball-Lehrerin die grün-weiße Frauenabteilung, war zeitweise sogar selbst Cheftrainerin, als niemand sonst ran wollte. Ihre Handschrift: Struktur statt Schnickschnack. Jugendspielzeiten wurden verlängert, Ausbildungsverträge professionalisiert, die Campus-Infrastruktur auf Bundesliga-Niveau gehoben. Das Resultat: Werder etablierte sich als Dauerbrenner in der Frauen-Bundesliga und schaffte 2023 den Einzug ins DFB-Pokal-Finale – ein Kunststück für einen Traditionsklub mit überschaubarem Etat.

Warum jetzt? die 55-jährige will keine nachfolgerin mehr sein
Brüggemann selbst nennt es „Wunsch nach Veränderung“. Intern heißt es, sie habe in den vergangenen Monaten öfter über neue Modelle nachgedacht: ein eigenes Fußball-Beratungsbüro, vielleicht ein Engagement beim DFB. Die Pandemie habe ihr die Augen geöffnet, sagt eine Vertraute: „Sie merkte, wie schnell alles stillstehen kann.“ Statt weiter um Sponsoren zu ringen, will sie sich neu erfinden – und zwar sofort, nicht in einem halben Jahr.
Der SV Werder sichert sich Beratung bis zur Winterpause, doch danach ist Schluss. Eine interne Lösung? Fehlanzeige. Externe Kandidatinnen gibt es, doch der Vorstand will keinen Schnellschuss. „Wir schauen uns um, wir sind zuversichtlich“, sagt Fritz – ein Satz, der mehr Verunsicherung als Plan ausstrahlt.

Das erbe: ein gut bestelltes feld – und ein machtvakuum
Brüggemanns größter Erfolg war nicht das Pokalfinale, sondern das Netzwerk. Sie verknüpfte Schulen, Uni-Teams, Amateurvereine und Sponsoren, bis Bremen zum Magneten für Talente wurde. Ohne sie droht das Modell zu bröckeln: Etatstellen sind unbesetzt, Kooperationsverträge laufen 2025 aus, und die Lizenzspielerinnen warten auf Perspektive.
Die Spielerinnen erfuhren es via Video-Call. Kapitänin Sofia Nati postierte ein Foto mit der Tränen-Emoji, Mittelfeld-Talent Lina Hausicke twitterte: „Unsere Mutter im Klub – weg.“ Der emotionale Shitstorm zeigt: Brüggemann war mehr als eine Verwaltungskraft, sie war Identifikationsfigur.
Die zeit drängt: werder muss handeln, bevor die konkurrenz zuschlägt
Die Bundesliga startet 2024 mit einem neuen TV-Vertrag, die Frauen erhalten erstmals nennenswerte Medienmilliarden. Klubs wie Hoffenheim oder Leipzig haben bereits Managerinnen angeheuert, die Sponsorenpools und Datenabteilungen verzahnen. Werder dageil steht ohne Strategie da. Interne Analysen warnen: „Verlieren wir die nächsten sechs Monate, verlieren wir die nächsten sechs Jahre.“
Ein Name geistert durch die Gänge: Nadine Kessler, ehemalige DFB-Direktorin, derzeit ohne Job. Doch Kessler will laut Beratern kein reines Etat-Posten-Modell, sondern Aufsichtsratseinfluss. Der Klub zögert – und verliert wertvolle Wochen.
Brüggemann selbst blickt nach vorn. „Ich werde dem Frauenfußball erhalten bleiben, nur nicht hier“, sagt sie. Ihr letzter Arbeitstag ist der 15. März. Dann fährt sie erst mal an die Nordsee – ohne Laptop, ohne Terminkalender, dafür mit dem Wissen, dass sie Bremen einen Sport hinterließ, der plötzlich viel größer ist als der Klub, der ihn verließ.
