Bettini packt aus: so gewann ich mein verfluchtes sanremo

Paolo Bettini hasst Perfektion. Er liebt das Risiko. Und deshalb liebt er die Mailand–Sanremo. „Elf Mal hintereinander bin ich diese verrückte Strecke gefahren, auch 2006, nachdem ich mich in Paglieta aufs Gesicht gelegt hatte. Franco Ballerini hat mich eingesammelt, Fabrizio Borra hat mein Knochenpuzzle zusammengesetzt. Drei Wochen später stand ich auf der Via Roma.“ Die Stimme des Ex-Weltmeisters zittert noch heute, wenn er an den 22. März 2003 denkt. An die Nacht, in der er sich nachts um 1 Uhr im Hotelzimmer komplett anzog – nur um sich im Spiegel anzugucken.

Die nacht vor dem rennen war ein film

Luca Paolini neben ihm, halb wach, halb irritiert: „Was machst du da?“ – „Ich wollte sehen, wie ich morgen auf den Fotos aussehe.“ Bettini lacht, aber es klingt wie ein Bellen. „Das war keine Show. Das war Selbsthypnose. Wir kannten jeden Gully auf der Aurelia, jeden Riss im Asphalt. Dezember. Nebel. Monte Carlo. Wir sind jedes Wochenende runter nach Sanremo, haben die Cipressa hochgebrettert, den Poggio runtergedüst, als wären wir auf der Flucht.“

2003 war seine dritte Fahrt auf dem Konto, aber die erste mit einem Plan, der nicht auf Papier stand. „Wir hatten kein Excel. Wir hatten nur Hunger.“ Der Hunger, nach einer Mailand–Sanremo, die ihn zuvor jedes Mal ausspuckte. Mal vom Poggio weggeschossen, mal im Sprint eingekocht. „Ich hatte einen ganzen Zoo an Dämonen auf dem Rücken.“

Die cipressa war kein befehl, es war ein gefühl

Die cipressa war kein befehl, es war ein gefühl

60 Kilometer vor dem Ziel prescht er plötzlich nach links, weg von der Gruppe, hinauf in die Luft. Kein Funken, keine Handzeichen. „Ich habe einfach gespürt: Jetzt oder nie.“ Paolini, damals noch kein Domestique, sondern Co-Captain, brüllt ihn an: „Was tust du?“ Bettini: „Ich habe nur gedacht: Wenn ich sterbe, sterben die anderen vor mir.“

Der Rest ist Archiv. Bettini zieht die Cipressa hoch, rast die Abfahrt runter, 45 km/h im Windschatten der Angst. Hinter ihm implodiieren die Sprinterteams. Cipollini schreit sich heiser. „Wir haben den Löwen in seinem eigenen Käfig eingesperrt.“

Heute? excel und power-point auf rädern

Heute? excel und power-point auf rädern

„Früher haben wir uns mit 28, 29 Jahren entwickelt. Heute ist ein 22-Jähriger schon abgeschrieben, wenn er nicht gewinnt.“ Bettini schlägt mit der Faust auf den Tisch. „Die Sanremo ist das letzte Rennen, das man nicht simulieren kann. Du kannst 500 Watt pushen, aber wenn du die Bohrer auf der Via Roma nicht kennst, bist du Toast.“

Tadej Pogačar? „Der will sie alle. Er trainiert auf dem Poggio wie ein Schüler, der die Klassenarbeit vorhersieht. Aber er hat sie noch nicht.“ Mathieu van der Poel? „Der ist das ganze Team in einer Person. Der kann im Sprint von 60 Leuten gewinnen – und trotzdem allein fahren.“

Die prognose für 2024

Die prognose für 2024

„Van der Poel“, sagt Bettini ohne Zögern. „Weil er die einzigen Laufräder trägt, die Pogačar nicht abhängen.“ Dann grinst er. „Aber vergiss Ganna nicht. Der hat die Strecke zwei Mal fast gewonnen, nur weil er den Zielgeraden-Timing vermasselt hat. Wenn er diesmal früher startet, ist er weg.“

Und plötzlich wird es leise. „Die Sanremo ist wie eine exfreundin. Du denkst, du kennst sie. Aber sie schlägt dich immer wieder aufs neue. Wer sie nicht fährt, kann sie nicht verstehen. Wer sie fährt, versteht sie trotzdem nicht.“

Die Uhr tickt. Die 296 Kilometer warten. Und irgendwo auf der Aurelia steht ein Italiener mit Goldmedaille im Schrank – und weiß: Am Ende gewinnt immer das Rennen. Nicht der Fahrer.