Bernal kehrt mit neuer ruhe zurück – und wird zum geheimfavoriten
Egan Bernal tritt beim Giro d’Italia nicht mehr als der kolumbianische Kraftprotz von 2021 an. Er tritt an als Mann, der den Abgrund gesehen hat – und zurückgekehrt ist, weil er das Radeln wieder lieben gelernt hat. Nach seinem Horror-Crash im Januar 2022 steht er jetzt auf Rang drei der Gesamtwertung, doch das ist nur die Zahl. Entscheidend ist die Ruhe, mit der er sie erklärt: »Ich will nur pedalieren. Der Rest ergibt sich.«
Die maglia rosa war einst sein traum, heute ist sie nebensache
2021 krönte ihn der Giro zum Superstar. Drei Jahre später redet er nicht mehr vom Sieg, sondern vom »Genuss«. Bernal lässt sich in Burgas nieder, wo die Prolog-Zeitfahrt startet, und wirkt, als hätte er ein dickes Buch zugeklappt. Die Seiten mit Schmerz, Reha, Schrauben im Rücken – umgeblättert. Was bleibt, ist ein 29-Jähriger, der sich selbst als »alt« bezeichnet und dabei lacht. Sein Team, Netcompany INEOS, teilt sich die Führungsrolle zwischen ihm und Thymen Arensman. Kein Bollwerk mehr, sondern ein offenes Experiment.
Die Konkurrenz zittert trotzdem. Weil Bernals Beine in den Alpen bereits zündeten. Weil er in der Zeitfahr-Weltmeisterschaft Rang fünf fuhr. Und weil ein Radsportler, der nichts mehr beweisen muss, plötzlich alles riskiert. »Vingegaard ist stark, klar«, sagt er, »aber die Strecke ist drei Wochen lang – und offen wie selten.«

Keine ziele, keine quoten, nur kilometer
Wer ihn nach dem Podest fragt, bekommt ein Schulterzucken. »Mir egal«, sagt er und meint es ernst. Die Analysten setzen ihn dennoch aufs Treppchen. Seine Werte? Bestätigt. Seine Erfahrung? Unbestechlich. Seine Motivation? Nicht messbar. Genau das macht ihn gefährlich. Bernal will keine Nummern jagen, er will »einfach wieder da sein, wo ich fast nie mehr hätte sein dürfen«. Jeder Berg, den er übersteht, ist ein kleines Wunder. Jeder Meter, den er vorne mitfährt, ein Schlag gegen die Statistik.
Am Sonntag geht’s in die Dolomiten. Dort wird sich zeigen, ob die Ruhe eine Fassade war – oder das neue Kraftpaket. Die Wettbüros zweifeln. Bernal nicht. Er hat schon gewonnen: das Recht, noch einmal anzugreifen. Alles andere ist Bonus.
