Berlin dreht das olympia-ruder rum: 60 prozent springen auf den zug

Die Hauptstadt hat sich geschlagen. Nach Jahren des Neins, der Pleite beim Volksentscheid und der Anti-Spiele-Stimmung meldet Berlin plötzlich Zustimmung – und wie. 60 Prozent der Wahlberechtigten können sich laut Dimap-Survey Sommerspiele in ihrer Stadt vorstellen, 38 Prozent sogar ganz klar. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner atmet auf, die Olympia-Planer fahren Kiez-Tour, und der DOSB bekommt im September einen Kandidaten präsentiert, der endlich nicht mehr nur aus Karten und Modellen besteht.

Die Zahlen sind kein Zufall. Zwischen dem 19. und 25. März befragte das Institut 1 205 Berliner – und stieß auf eine Mehrheit, die sich vor zwölf Monaten noch als verstockt galt. Erinnert man sich an die Civey-Umfrage des Tagesspiegels, da sprachen sich 67 Prozent gegen eine Bewerbung aus. Jetzt sind es nur noch 34 Prozent, die klar oder eher ablehnen. Die Anti-Fraktion schrumpft, die Offene wächst. Die Stadtkampagne wirkt.

Die angst vor 1936 ist kleiner geworden

Die angst vor 1936 ist kleiner geworden

Die Befürchtung, Berlin könne mit den Spielen von 2036, 2040 oder 2044 an die Nazi-Spiele von 1936 erinnern, verliert an Schrecken. Junge Erwachsene, die 2015 beim Volksentscheid noch „Nein“ skandierten, sind heute berufstätig, haben Kinder, wollen Infrastruktur. Die neue Erzählung lautet: nachhaltig, barrierefrei, zentral in der Stadt. Das klingt nicht nach Festspiel-Monstrosität, sondern nach Milliarden-Investitionen in Schul-Sportanlagen, Schwimmhallen und Radwege. Die Gegner müssen neue Argumente finden – ihre alten Parolen sind verbrannt.

Der DOSB spürt den Wind. München, Hamburg, die Rhein-Ruhr-Region – alle Bewerber kalkulieren mit Bürgerbeteiligung, aber nur Berlin kann eine echte Trendwende vorweisen. Der Entscheidungstermin Ende September rückt näher. Wegner will den Zuschlag, um seine Hauptstadt-Agenda zu untermauern. Ohne Berlin, so die interne Botschaft, gibt es kein deut Olympia-Konzept. Die Umfrage liefert ihm den Beweis: Die Mehrheit steht hinter ihm – vorerst.

Die Frage ist nicht mehr, ob Berlin sich bewirbt. Die Frage ist, ob die Stadt die Nerven behält, wenn die ersten Kostenvoranschläge kommen und die Anti-Kampagnen wieder lauter werden. 60 Prozent Zustimmung sind kein Freifahrtschein, sondern ein Sechser im Lotto. Jetzt muss Berlin liefern – oder die nächste Umfrage dreht sich wieder ins Negative. Die Uhr tickt. September ist nah.