Bayern spielt mit zehn mann 1:1 – und feiert sich trotzdem wie ein sieg

Im Bayer-Stadion herrschte am Ende ein Triumphgefühl, das sich nur erklären lässt, wenn man die 90 Minuten gesehen hat: Zweimal Unterzahl, zwei aberkannte Treffer, ein Schiri unter Beschuss – und trotzdem ein Punkt, der in der Kabine wie drei zählte. „Wir haben 1:1 gewonnen“, sagte Max Eberl, Sportvorstand des FC Bayern, und meinte damit nicht die Tabelle, sondern die Moral.

Der tag, an dem ulreich zurückkehrte und díaz den platz verließ

Sven Ulreich stand 539 Tage lang im Schatten von Manuel Neuer und Jonas Urbig. Gegen Leverkusen riss ihn Vincent Kompany in die Startelf, weil Neuers Schulter protestierte – und Ulreich rettte mit zwei Reflexparaden in der Schlussphase den Zähler. „Ich habe jeden Tag mit dem Ball geschlafen, nur für so einen Moment“, sagte der 37-Jährige mit Tränen in den Augenwinkeln. Die Szene des Spiels aber war ein anderer: Luis Díaz traf zum 1:0, feierte sich, drehte sich um – und sah Gelb-Rot (84.). Handspiel nach eigener Ballkontrolle, entschied Schiri Christian Dingert, revidierte sich nach Blick auf den Monitor. Die Münchner Empörung war postwendend da. Uli Hoeneß donnerte: „Das schlechteste Schiedsrichterteam, das ich je erlebt habe.“ Der DFB konterte trocken: „Die spielrelevanten Entscheidungen waren korrekt oder zumindest vertretbar.“

Die Statistik dahinter ist gnadenlos: Seit 2020 kassierte Bayern in der Bundesliga nur dreimal zwei Rote innerhalb eines Spiels – zweimal gegen Leverkusen. Die Taktik aber funktionierte: Kompany schaltete nach Jacksons Platzverweis (42.) auf 4-4-1 um, ließ Musiala als einzige Spitze stehen und ordnete seine Mittelfeldreihe neu. Leverkusen schoss 27 Mal, traf nur einmal – und das auch noch per Eigentor von Dayot Upamecano. „Wir haben verteidigt wie verrückt, weil wir mussten“, sagte Jonathan Tah, der einst selbst für Leverkusen spielte und nun in der Mitte der Bayern-Abwehr klärte, bis die Fußspitzen brannten.

Die meisterschaft ist noch längst nicht entschieden

Die meisterschaft ist noch längst nicht entschieden

Neun Punkte Vorsprung auf Dortmund, acht Spieltage noch – das klingt nach Vorsprung, aber der Kalender ist ein Folterinstrument: DFB-Pokal-Halbfinal-Rückspiel in Leverkusen, Champions-League-Viertelfinale gegen Atalamo, dazwischen der klassische April-Kollaps. Kompany warnte: „Wenn wir nur halb so viel Leidenschaft zeigen wie heute, reicht das nicht.“ Die Kernaussage seiner Kabinenansprache: Die Saison wird nicht durch technische Klasse, sondern durch Widerstandskraft entschieden – genau die, die sein Team am Samstag bewies.

Ulreich wird wieder auf die Bank rutschen, sobald Neuer fit ist. Doch die Erkenntnis bleibt: Dieser Bayern-Kader kann auch dann noch punkten, wenn zwei Spieler fehlen, zwei Tore aberkannt werden und der Schiri als Gegner mitspielt. „Wir haben gelernt, dass wir auch mit zehn Mann noch Tore schießen können“, sagte Musiala trocken. Die Liga hat gelernt, dass diese Meisterschaft noch lange nicht entschieden ist – und dass der nächste Knall in Leverkusen erst in vier Wochen folgt. Dann stehen sich dieselben Gesichter wieder gegenüber – nur ohne Platzverweise, verspricht Dingert. Mehr Versprechen braucht dieses Finale nicht.