Bari zittert, ein 20-jähriger schießt die rettung
Ein Junge aus den Bergen Südtirols trägt plötzlich den Süden Italiens. Emanuele Rao, 20, Vier-Tore-Beitrag in den letzten fünf Spielen, verwandelt die Apenninen-Halbinsel in seine persönliche Bühne – und den FC Bari vom Abstiegskandidaten zur Hoffnung.

Der trentino, der das san nicola wieder singen lässt
Die Zahlen sind hart, die Stimmung brutal. Nach 31 Spieltagen steht Bari auf Rang 17, nur zwei Zähler über der roten Linie. Doch im Getöse von Modena, Monza und Venezia schimmert ein Name: Rao. Sein Marktwert stieg binnen Wochen von 800.000 auf drei Millionen Euro – ein Kurshoch, das selbst die Börse von Mailand neidisch machen würde.
Moreno Longo, bereits der dritte Coach dieser chaotischen Saison, erinnert sich an den ersten Trainingstag des Neuanfangs: „Er lief wie ein Motorrad, aber mit Kopfhörern statt Helm.“ Longo stellte ihn sofort auf links außen auf – und Rao dankte es mit dem Siegtreffer in Cesena. Seitdem tickt die Uhr anders. Sein Laufstil: halb Stier, halb Falke. Seine Tore: drei mit links, zwei mit rechts, eins per Kopf. Kein Zufall, sondern Beweis, dass er sich nicht auf eine Bein stützt.
Die Defensive um Cistana, Odenthal und Mantovani ist indes noch ein offenes Wundpflaster. 42 Gegentreffer – schlechter nur Ascoli und Ternana. Der Holländer Odenthal fordert mehr „cattiveria“, sprich: Rasenschädel statt Rumpelkammer. Seit die Dreierkette komplett ist, holte Bari neun Punkte aus vier Partien. Kleiner Makroeffekt, große Psychologie.
Im Zentrum übernimmt Federico Artioli das Kommando. Der Januar-Transfer aus Mantova leitet das Spiel wie ein Dirigent, der Partitur und Publikum gleichermaßen im Blick. Seine Pässe führen zu 38 Prozent der Torschüsse – Statistik, die Trainerherzen schneller schlagen lässt. Vor ihm lauert Gabriele Moncini, einst bei Cittadella und Brescia Doppelter-Stürmer, heute mit acht Treffern auf Kurs, die magische Zehn zu knacken. „Wenn ich Rao bin, will ich Moncini sein“, sagt er lachend, „und wenn ich Moncini bin, will ich Rao bleiben.“ Selbstironie als Motivationskatalysator.
Die Kurve glaubt wieder. 3.000 Ticket-Anfragen für das Heimspiel gegen Venezia gingen innerhalb von 24 Stunden weg – so viele wie zuletzt vor zwei Jahren im Pokal gegen Lazio. Die Händler an der Via Sparano horten bereits Retro-Trikots der 90er, weil Retro derzeit heißer ist als jede Champions-League-Teilnahme.
Doch der Gegner wartet nicht. Venezia bringt mit Joel Pohjanpalo einen finnischen Panzer mit, der in den letzten drei Spielen fünfmal einnetzte. Modena besitzt mit Luca Strizzolo den effizientesten Stürmer der Liga: 13 Tore bei 31 Schüssen, Trefferquote 42 Prozent. Und Monza? Der Klub aus der Brianza lässt seit acht Spielen kein Gegentor mehr zu – Statistik wie aus dem Lehrbuch, aber kein Trost für Bari.
Die Rechnung ist dennoch simpel: vier Siege aus den letzten sieben Partien reichen rechnerisch. Die Frage ist nicht, ob Rao weiter trifft, sondern ob die Abwehr endlich dicht bleibt. Sonst bleibt nur der Weg in die Serie C – und das wäre für eine Stadt, die sich selbst als „capitale del football meridionale“ betrachtet, ein Schicksal, das nicht mal die besten Orecchiette-Köche wegwürzen könnten.
In den Katakomben des San Nicola hängt ein Spruch: „Chi non rischia, non rosica.“ Wer nichts riskiert, kaut keine Lorbeeren. Rao hat die ersten Blätter schon im Mund. Ob er sie am Ende verspeist oder verschluckt, entscheidet sich in den nächsten 28 Tagen. Die Uhr tickt. Die Kurve singt. Und der Trentino läuft – direkt in die Geschichtsbücher oder in die Provinz.
