Eu-verordnung krempelt das auto recycling – chance oder risiko für deutschland?
Die Autoindustrie steht vor einem Umbruch. Ein neues EU-Regelwerk zur Verwertung von End-of-Life-Vehicles (ELV) zwingt Hersteller, Demontagebetriebe und Verbraucher, über die Zukunft alter Fahrzeuge neu nachzudenken. Autopromotec, der italienische Branchenverband, hat in Mailand ein hochkarätiges Treffen organisiert, um die Auswirkungen dieser Regulierung zu diskutieren – und die Zeichen stehen auf Veränderung.

Die eu schreibt vor: mehr recycling, mehr verantwortung
Ab 2026 wird die EU-Verordnung Realität. Sie verpflichtet Hersteller dazu, einen immer höheren Anteil an Materialien und Komponenten aus ihren Fahrzeugen zu recyceln und wiederzuverwenden. Das bedeutet nicht nur eine Anpassung der Fahrzeugkonstruktion, um den späteren Demontageprozess zu erleichtern, sondern auch die Übernahme von Kosten für Sammlung und Behandlung von Altautos. Ein klarer Schritt weg von der reinen Entsorgung hin zu einer Kreislaufwirtschaft.
Doch was bedeutet das konkret? Die neuen Regeln fordern, dass innerhalb von sechs Jahren mindestens 15 Prozent des in Neuwagen verwendeten Kunststoffs aus Recyclingmaterial stammen müssen – in zehn Jahren steigt dieser Wert auf 25 Prozent, wobei 20 Prozent davon aus Altautos gewonnen werden sollen. Darüber hinaus könnten in Zukunft auch für strategische Rohstoffe wie Stahl, Aluminium, Magnesium und seltene Erden Vorgaben festgelegt werden.
Die Demontagebetriebe stehen im Fokus. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Rückgewinnung wertvoller Materialien und Komponenten. Laut Experten sind in Deutschland 1.418 Demontagebetriebe aktiv, die mit rund 40.000 Beschäftigten einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellen. Doch die neue EU-Verordnung stellt sie vor neue Herausforderungen, bietet aber gleichzeitig auch neue Chancen.
Manuela Crippa von Stellantis betonte auf dem Autopromotec Dialogues, dass die Unternehmen bereits jetzt verstärkt in zirkuläre Designprinzipien investieren und Prozesse entwickeln, die die Rückgewinnung von Materialien und Komponenten fördern. Auch die Tracierung von Komponenten, um Betrug und illegale Demontagen zu verhindern, wird immer wichtiger.
Die Diskussion offenbarte auch eine Diskrepanz zwischen Frankreich und Deutschland. Während in Frankreich die Reparatur mit gebrauchten oder regenerierten Teilen bereits gesetzlich vorgeschrieben ist und von 85 Prozent der Verbraucher positiv aufgenommen wird, ist die Akzeptanz in Deutschland deutlich geringer. Nur etwa jeder zehnte Autofahrer entscheidet sich für eine Reparatur mit gebrauchten Teilen, was vor allem auf kulturelle Vorbehalte und ein mangelndes Vertrauen in die Qualität dieser Teile zurückzuführen ist.
„Die Herausforderung besteht darin, den Verbraucher von den Vorteilen der Kreislaufwirtschaft zu überzeugen“, so Luca De Vita vom Anfia. „Wir müssen aufzeigen, dass eine Reparatur mit gebrauchten Teilen nicht unbedingt eine schlechtere Wahl ist, sondern eine nachhaltige und kostengünstige Alternative darstellen kann.“
Daniel Bresolin, Gründer eines großen Demontageunternehmens, sieht in der EU-Verordnung eine Chance, die Abhängigkeit von China bei Rohstoffen zu verringern. „Wenn wir in der Lage sind, wertvolle Materialien wie Kunststoffe, Eisen, Aluminium, Glas, Kupfer und elektronische Komponenten aus Altautos zurückzugewinnen, sind wir weniger anfällig für politische und wirtschaftliche Einflüsse von außen.“
Die Zeit drängt. Die Autoindustrie muss sich schnell an die neuen EU-Vorgaben anpassen. Nur wer jetzt die Weichen richtig stellt, wird in Zukunft erfolgreich sein. Die Autopromotec Dialogues haben gezeigt: Die Branche ist bereit für die Herausforderung – aber es braucht noch Überzeugungsarbeit, um auch die Verbraucher von den Vorteilen der Kreislaufwirtschaft zu überzeugen.
