Anni Friesinger-Postma: Ihr legendärer Moment bei den Olympischen Spielen 2010

Der legendäre moment

Bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver erlebte Anni Friesinger-Postma (48) ihren berühmtesten Moment. Im Ziel schlug sie mit der Faust gegen den gefrorenen Untergrund. Sie dachte, dass sie durch ihren Sturz den Finaleinzug verspielt hätte. Mit Daniela Anschütz-Thoms (50) und Stephanie Beckert (37) hatte sie im Halbfinale gegen die USA klar in Führung gelegen, doch im Endspurt kam Friesinger-Postma ins Straucheln. „In der vorletzten Kurve passierte es“, sagt sie. „Die Eisbahn war neu. Unten ist das Eis hart, aber obendrauf ist eine porösere Schicht. Mit meinem dynamischen Laufstil bin ich da eingebrochen.“

Der verzweifelte versuch

Der verzweifelte versuch

Als ihre Teamkolleginnen wegliefen, rief sie ihnen „Halt!“ nach. „Doch wegen des Lärms hörten sie mich nicht, schauten sich nicht um“, sagt Friesinger-Postma. „Auf den letzten Metern war ich verzweifelt und ausgelaugt, also stürzte ich.“ Auf dem Bauch rutschte sie übers Eis Richtung Ziellinie. Sie versuchte, das rechte Bein vorzustrecken. „Das war Erfahrung“, sagt Friesinger-Postma. „Es zählen die Kufenspitze und ein Transponder am Knöchel. Wäre ich mit der Hand zuerst durchs Ziel gekommen, hätte es eine Zeitstrafe gegeben. Daher versuchte ich, mich zu drehen. So weit habe ich gedacht.“

Der erlösende moment

Der erlösende moment

Im Ziel wusste sie nicht, ob es gereicht hatte. „Die Unsicherheit war unfassbar“, erzählt sie. „Ich dachte, ich hätte es für meine Mannschaft versaut.“ Dann leuchtete auf der Anzeigetafel der erste Platz auf – um 23 Hundertstelsekunden. Die Kameras waren auf Friesinger-Postma gerichtet, als sie wieder lächeln konnte. „Dieser befreiende Moment war wunderschön!“, sagt sie. „Eigentlich ist ein Sturz etwas Negatives, aber ich versuche aus allem etwas Positives zu ziehen – und hier war das: nicht aufgeben!“

Die rivalität mit claudia pechstein

Die rivalität mit claudia pechstein

Bei Friesinger-Postma gab es oft Drama – wegen Verletzungen und Konflikten. Doch mit ihrer emotionalen und offenen Art riss sie die Fans mit. Der volle Körpereinsatz zahlte sich damals aus: Das Olympia-Finale lief dann Katrin Mattscherodt (44), wie zuvor geplant, anstelle von Friesinger-Postma, und Deutschland holte gegen Japan Gold.

Die karriere und die verletzungen

Die karriere und die verletzungen

Friesinger-Postma gewann dreimal Olympia-Gold im Eisschnelllauf. Dazu sammelte sie noch 16 WM-Titel. Den ersten Olympia-Triumph nennt Friesinger-Postma „den coolsten“ und „das schönste Gold – auf meiner Lieblingsdistanz.“ Wie immer war viel Drama dabei. „Ich hatte im Vorfeld alles gewonnen“, erzählt sie. „Dann kam der Disput mit Claudia Pechstein. Wir haben ordentlich gegeneinander ausgeteilt. Ich bin ein Typ, der da nicht zurückzieht. Wenn mich etwas stört, dann sage ich es.“

Die verletzungen und das ende der karriere

Die verletzungen und das ende der karriere

2010 musste sie ihre Karriere beenden. Das oft lädierte rechte Knie machte nicht mehr mit, der Knorpel war kaputt. „Ich bin zwar supergelenkig, aber das geht dann stark auf die Gelenke“, erklärt die Olympiasiegerin. „Ich habe sehr kleine Kniescheiben und viel Muskulatur. Dadurch wirkte stets sehr viel Druck auf die Knorpel.“ 2002 hatte sie dort die erste OP. „Ein Stück meiner Patellasehne war abgestorben“, erinnert sie sich. „Dr. Volker Smasal schnitt es raus, teilte die Patellasehne und vernähte es wieder. Er sagte danach, als ich wieder WM-Rennen gewann: ,Das ist der Wahnsinn!‘“ 2008 folgte die nächste Knie-OP. Im letzten Karrierejahr 2010 lief sie nicht mehr so geschmeidig: „Es piekste im Knie, weil dort lose Knorpelstücke drin waren. Ich musste immer wieder punktiert werden.“

Das leben nach der karriere

Heute hat sie eine schwere Arthrose im Knie, kann aber Ski und Rad fahren. „Ich bin mit dem Gravelbike unterwegs, E-Bike gibt es bei mir noch nicht“, erzählt sie. „Ab und zu spiele ich Eishockey.“ Damit legte sie vor einigen Jahren in einer gemischten Mannschaft in Gmunden (Österreich) los. Inzwischen spielt sie in einer Amateur-Hobbyliga Verteidigerin für die Inzell Lady Hawks. „Es ist eher Hausfrauen-Tempo“, sagt sie. „Schnell bin ich natürlich noch, kann auch gut rückwärtslaufen, was in der Verteidigung wichtig ist. Die Schüsse sind ganz ordentlich. Ich sammele auch Strafminuten, bin schon eine harte Spielerin und für keinen Zweikampf zu schade.“

Die familie und die zukunft

Friesinger-Postma lebt in Salzburg und in Ferienzeiten in den Niederlanden, wo ihr Gatte in Dearsum einen Bauernhof betreibt. „Wir haben 700 Kühe“, sagt sie. In ihrer österreichischen Heimat betreibt die Olympiasiegerin einen Laden für Kinder- und Damenmode sowie Accessoires in der Münzgasse. Außerdem baut sie mit ihrem Mann in Salzburg ein Haus. „Natürlich in der Nähe vom Eisstadion“, sagt sie mit einem Lachen.