Italiens serien-alptraum beenden: historiker fordert punkte für schönes spiel
Fulvio Cammarano will den Fußball umpflügen. Zwei Punkte für den Sieg, den dritten gibt’s nur, wer auch wirklich Fußball gespielt hat. Seine Formel: xG plus Ballbesitz plus Pressingintensität – alles in einen Algorithmus geworfen, am Ende klackert die Maschine und druckt den „Punto di merito“ aus. Die Idee kommt nicht von irgendwo, sondern aus dem Turm von Bologna, dort wo der Historiker seit Jahren Studenten beibringt, dass Regeln nie neutral sind.
Warum jetzt ein statistiker die tabelle umschreibt
Italia ist seit acht Jahren ohne WM-Achtelfinale, die dritte Absage in Serie. Für Cammarano kein Zufall, sondern Symptom. „Wir haben vor dreißig Jahren beschlossen, dass nur zählt, wer gewinnt. Das hat unsere Sprache verändert, unsere Politik, unren Sport“, sagt er, während er auf seinem Schreibblatt die Konstanten für den neuen Index kritztel. Torschüsse, erwartete Tore, Tempogegenstöße – alles fließt hinein. Die Gewinner-Mannschaft bekommt zwei Zähler, die Verlierer null. Der dritte Punkt? Versteigert. Wer dominierter, spielte, kombinierte, ihn.
Das klingt nach Excel-Fetisch, ist aber ein kulturgeschichtlicher Rundumschlag. Als die Liga 1994 auf Drei-Punkte-Regel umstellte, habe man das Zeitalter der „Risultato è l’unico narrativo“ besiegelt, argumentiert Cammarano. Das Ergebnis: Catenaccio-Light, Zeitspiel, Beton. Seine Lösung: ein unabhängiges Technik-Gremium, das vor Saisonbeginn die Parameter festlegt und live den Bonuspunkt verteilt. Kein Schiedsrichter, keine Presse, keine Klub-Bosse. Nur Zahlen.

Die erste echte konkurrenz zum tor
Heute Nachmittag trifft sich in Bologna die Runde: Data- Analysten von Opta, Trainer, ein Ex-Arbitro, dazu Vertreter des italienischen Olympischen Komitees. Geht es nach Cammarano, könnte schon die Saison 2025/26 ein Pilot-Liga die Regel testen. Die FIFA wartet auf ein Test-Modul, die FIGC hat intern erste Excel-Sheets kursieren lassen. Widerstand? Üblich. „Man sagt, das sei keine Sport mehr. Ich antworte: Es war auch kein Sport mehr, als wir beschlossen haben, dass nur der zählt, der trifft.“
Die Zahlen sprechen für ihn. In 63 % der Partien der laufenden Serie A lag der spätere Sieger nach xG und Ballbesitz zurück. Kurz: Sie gewannen, weil sie einmal trafen, nicht weil sie besser waren. „Wir belohnen Zufall, nicht Handwerk“, wettert der Professor. Mit seinem Modell würde sich die Tabelle verschieben: Bologna stünde aktuell auf Platz zwei, Inter nur fünf. Rom wäre statt siebtem Dritter. Die Meisterschaft? Offen bis zum letzten Spieltag.

Ein land zwischen schönheit und sieg
Kritiker wittern Gefahr: Fußball sei kein Schaulaufen, sondern Kampf. Cammarano lacht. „Kampf bedeutet, dass der Stärkere gewinnt. Wenn wir aber den Stärkeren nur nach Toren messen, messen wir den Zufall.“ Seine Algorithmen seien neutraler als jedes menschliche Auge. Und schneller: Innerhalb von 90 Sekunden nach Abpfiff stünde der Bonus-Zähler fest. Keine Proteste, keine WhatsApp-Videos aus dem Klub-Bus.
Ob die Liga mitmacht, entscheidet sich im Sommer. Bis dahin sammelt das Team um Cammarano Daten: 2.400 Partien, 1,8 Millionen Ballaktionen, 4.500 Torschüsse. Die Rohdaten liegen bereits auf dem Server, jetzt gilt es, die Gewichtung zu feilen. Ein Parameter zu viel, Favoriten laufen davon. Ein Parameter zu wenig, der Underdog parkt den Bus und hofft auf Konter. Balance ist alles.
Italia steht an einer Kreuzung. Nach drei verpassten Weltmeisterschaften fragt sich das Land, warum Talent allein nicht reicht. Cammaranos Antwort: Weil wir das falsche Spiel belohnen. Wenn seine Rechnung aufgeht, steht bald nicht mehr nur der Sieger da, sondern der, der am meisten Fußball gespielt hat. Die Formel ist simpel: zwei Punkte für den Sieg, den dritten holt sich, wer ihn verdient. Der Rest ist Mathematik – und vielleicht die erste echte Revolution seit der Abstellung des Golden Goal.
