Anna-lena forster jagt fünf mal gold: cortina wird ihre persönliche jagdzone
Die 30-Jährige trägt die Fahne, ignoriert die Show – und will am Ende alle fünf Disziplinen beherrschen. Ihre Gegner nennen sie schlicht „die Maschine“. Dabei klingt ihre Devise wie ein Kinderlied: „Nicht denken, einfach fahren.“
Ein monoski, zehn weltmeisterschaften, 69 weltcupsiege
Forster kam mit verkürztem Oberschenkel und fehlendem Unterschenkel zur Welt. Die Diagnose: Amelie und Femurhypolasie. Für die Skiwelt bedeutet das: Sekundenbruchteile Vorsprung. Ihre Startphase ist brutaler als die der Konkurrenz, weil sie sich in den Sitz stemmen muss, statt mit den Knien zu dämpfen. Ihr Materialteam hat den Monoski so weit modifiziert, dass die FIS bei jedem Weltcup ein Extra-Mikrofon unter dem Sitz befestigt – sie fürchten, die Carbon-Konstruktion könne eine illegale Resonanz erzeugen.
Die Zahlen sind längst keine Statistik mehr, sondern Drohkulisse: 18 Podestplätze in 20 Weltcupstarts dieser Saison. Die Spanierin Audrey Pascual Seco liegt 46 Punkte zurück – ein Abstand, den Forster mit einem einzigen Slalom ausradieren kann. Die Japanerin Momoka Muraoka, in Peking noch Dreifach-Gold, kehrt nach Schlüsselbeinbruch zurück. Ihre Coachs schicken verpixelte Trainingsvideos, um die Form geheim zu halten. Forster lacht: „Ich kenne ihre Zeit, bevor sie die Stoppuhr überhaupt sieht.“

„Vier medaillen sind das minimum“ – der trainer spricht es aus
Justus Wolf formuliert es ohne Umschweife: „Wenn sie morgen beim Frühstück nicht richtig kaut, kann sie trotzdem noch gewinnen.“ Er meint: Die Muskelgedächtnis-Programme sind auf 96 Prozent Kraft gesetzt, die restlichen vier Prozent reserviert für Windböen und Schneekristalle. Die Super-Kombination gilt als ihre unsicherste Disziplin – dort musste sie zuletzt Silber akzeptieren. Ihre Antwort: zwei Extra-Einheiten auf der Rolle, 120 Kilometres-Passagen in der Abfahrt, bis die Oberarme zitterten. „Gold in der Kombination wäre die Krönung, weil dort alles drin steckt: Speed, Technik, Nervenkostüm“, sagt sie.
Die Fahnenträger-Rolle lehnt sie bei der Eröffnungsfeier ab. „Ich bin keine Showfigur“, sagt sie und schickt stattdessen Jörg Wedde ins Stadio Olimpico. Sie selbst bleibt im Hochleistungszentrum Cortina, macht 45-Minuten-Einheiten auf dem Vibrationstrainer. Die Organisatoren sind sauer, der DBS-Vorstand lacht: „Sie priorisiert eben die Piste statt das Protokoll.“

Cortina kann ihre letzte ruhe werden – oder der startschuss für 2030
Forster hat bereits Sponsorenverträge bis 2027 unterschrieben, doch sie schließt nicht aus, dass sie nach Cortina noch einmal vier Jahre weitermacht. Die Entscheidung fällt im Zieleinlauf der Super-Kombination. „Wenn ich da durchkomme und spüre, dass die Beine nochmal zehn Sekunden schneller können, ist die Sache klar.“ Ihre Familie bucht deshalb keine Rückflugtickets. Stattdessen haben sich 34 Freunde und Verwandte ein Chalet am Tofana-Hang gemietet – mit Blick auf die Strecken, auf denen Forster Geschichte schreiben könnte.
Die Paralympics beginnen am 6. März mit der Abfahrt der Damen. Forster startet mit Startnummer eins – ein kleiner Seitenhieb der Organisatoren, denn sie hasst es, als Erste ins Ziel zu fahren und dann warten zu müssen. „Ich will die Jägerin sein, nicht das Kaninchen.“ Wenn sie tatsächlich alle fünf Rennen gewinnt, wäre sie die erste Monoskifahrerin, die eine perfekte Spiele-Hat-Trick-Reihe hinlegt. Die Quote bei deutschen Wettanbietern liegt bei 12,0 – ein Witz, wenn man ihre Siegesserie kennt.
Am Ende bleibt nur eins: Entweder schreibt sie Geschichte, oder sie definiert sie neu. Für Anna-Lena Forster ist Cortina keine Kulisse, sondern ein Final-Exam. Die Antwort steht schon in den Startblöcken – und sie lautet: Gold, fünf Mal.
