Anja wicker schlägt zurück: silber nach fehlstart – kim raubt gold im sprint
Ein Patzer, ein Paukenschlag, ein Silberglanz: Anja Wicker hat bei den Paralympics in Cortina nach Bronze vom Vortag die nächste Medaille eingefahren, obwohl ihr erster Schuss ins Leere ging. Die 33-Jährige stoppte die Uhr nach 12,5 km sitzend bei 36:04,6 min – nur 12,8 Sekunden hinter der 19-jähr Südkoreanerin Yunji Kim, die ihre erste Gold-Premiere feiert.
Früher fehler, späte erlösung
Wicker selbst konnte es kaum fassen: „Ich musste mich kneifen“, sagte sie, nachdem sie im Ziel von Tesero die Hände vors Gesicht schlug. Der Fehlscheibe zum Auftakt hatte ihr die Taktik durchgekreuzt, doch dann riss sie sich zusammen. 15 Treffer folgten in Serie, die Loipe lag ihr, und plötzlich war nur noch Kim weg – die mit zwei Fehlern trotzdem eine Extrawatt-Laufdrohung bleibt.
Die US-Topstars kamen nicht ran. Sprint-Olympiasiegerin Oksana Masters verpasste als Vierte ihre 21. Medaille, Weltmeisterin Kendall Gretsch musste sich mit Bronze begnügen. Dahinter lagen Weltranglistenerste Lidzija Krutschewskaja und Norwegens PoM-hoffnung Birgit Skarstein – beide außer Reichweite.

Eskaus irrtum: zwölf kilometer umsonst
Andrea Eskau fuhr indes gegen die Wand. Die Magdeburgerin, seit Salt Lake City 2002 Dauergast bei den Spielen, ignorierte nach 200 m eine Wendemarke, wurde disqualifiziert, ehe sie überhaupt ins Schießen kam. „Ich war so im Flow, dass ich die Schilder überlesen habe“, gestand die 54-Jährige, die sonst neun Goldmedaillen ihr Eigen nennt. Stattdessen stand am Ende nur ein Schulterklopfen und der trostlose Satz: „Ich bin die Strecke umsonst gefahren.“
Doch selbst das hatte etwas Für-sich: Eskau blieb an beiden Schießeinlagen fehlerfrei – ein moralischer Sieg, der in der Statistik nicht auftaucht.

Deutsches team zieht positive bilanz
Für den Deutschen Behindertensportverband zählt trotzdem Zählbares: Wicker hat jetzt fünf Paralympics-Medaillen, zwei davon in Italien. Nach dem Sprint-Bronze von Samstag folgte Silber – ein kleiner Sprung, aber ein großer Vertrauensbeweis für die Formkurve vor der Staffel und der Verfolgung am Dienstag.
Trainer Jürgen Barth ließ sich sichtlich erleichtert in der Mixed-Zone blicken: „Anja hat bewiesen, dass sie auch unter Druck den Schalter umlegen kann. Das gibt Rückenwind für die kommenden Tage.“

Kim verweist auf neue generation
Die Gold-Geschichte schrieb sich hingegen in Seoul weiter. Yunji Kim, erst seit zwei Jahren auf der Weltcup-Tour, lief mit sitzender Technik und flachem Rumpf-Kipplauf eine Bestzeit, die selbst erfahrene Langläufer vor Rechnerprobleme stellt. „Ich habe nur an meinen Atem gezählt und die Töne der akustischen Zielscheibe“, sagte sie mit Blick auf das für Sehbehinderte entwickelte System – bei ihr adaptiert für optimale Konzentration.
Mit Kims Sieg rückt das Paradigma im Damen-Biathlon eine Spur nach Osten: Südkorea investiert seit Peking 2022 massiv in Nachwuchs, und die Dividende ist jetzt eingefahren – mit 19 Jahren, 1,52 m Körpergröße und einem Lächeln, das selbst Wicker nicht sauer machen konnte.
Für Wicker bleibt die nächste Chance am Dienstag in der Verfolgung. Dann startet sie als Zweite – hinter Kim, aber vor der Rest der Welt. Ein Startplatz, der weh tun kann. Oder Gold bringt.
