Neuer: legende mit aura – reicht das für den wm-triumph?

Winston-Salem – Manuel Neuer hat gesprochen. Zum ersten Mal seit seinem DFB-Comeback stellte sich der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft ausführlich den Fragen der Presse. Die Szene, als er in die Mixed Zone trat, war fast schon surreal: Erstaunte Blicke, ein kollektives „Oh“ – der Torhüter, der sich sonst eher rar macht, zeigte sich sichtlich geschmeichelt von dem Medieninteresse. Doch hinter der Aura der „lebenden Legende“ verbirgt sich eine Frage: Reicht das allein, um bei der WM erfolgreich zu sein?

Die nahbare ikone – mehr als nur größe

Die vergangenen Tage waren erfüllt von Lobeshymnen auf Neuer. Von Julian Nagelsmann über Joshua Kimmich bis hin zu Deniz Undav – alle schwärmten von seiner Ausstrahlung, seiner Präsenz. Doch wer Neuer bei einer Pressekonferenz erlebt, entdeckt eine andere Seite: einen ruhigen, kontrollierten Gesprächspartner. Er wirkt weder aufdringlich noch besonders unterhaltsam, sondern eher wie ein Mann, der seine Rolle versteht. Seine Körpergröße zieht zwar die Blicke auf sich, aber nicht seine Schlagfertigkeit.

„Das müssen Sie ja sagen, ich bin ja gerade in den Raum gekommen“, konterte Neuer humorvoll, als er nach seiner Aura befragt wurde. Er selbst sieht es vor allem als Frage der Körpersprache, als die Fähigkeit, den Mitspielern ein gutes Gefühl zu geben – ohne viele Worte. Es geht um etwas, das sich nicht messen lässt, aber dennoch einen Wert hat.

Die zweifel schlichen sich ein: kann die aura bälle halten?

Die zweifel schlichen sich ein: kann die aura bälle halten?

Doch die Fußballwelt kennt die bittere Realität: 2018 in Russland und 2022 in Katar scheiterte die deutsche Nationalmannschaft trotz Neuers immenser Aura. Und dann ist da sein Alter – selbst für einen Torhüter ungewöhnlich hoch. Die zahlreichen Verletzungen der letzten Monate sprechen eine deutliche Sprache. Er war erst kurz vor dem Spiel gegen Curacao wieder fit. „Es ist so, dass ich 2024 aus gutem Grund zurückgetreten bin. Ich denke, dass die zwei Jahre für mich eine zu hohe Belastung gewesen wären“, gestand Neuer offen.

Die Frage ist also: Kann Manuel Neuer erneut Manuel Neuer sein? Ein Torwart mit übermenschlichen Kräften, eine Aura, die Gegner einschüchtert? Deniz Undav, überraschend ehrlich, dämpfte die Erwartungen: „Wenn ich im Spiel auf ihn zulaufe, mache ich mir keine Sorgen, ob da jetzt Manu drinsteht. Dann versuche ich, das Ding reinzumachen.“ Das klang nicht nach Angst, sondern eher nach Respekt vor einem Weltklassemann.

Für das Binnenklima ist Neuers Wirkung jedoch unbestritten enorm. Seine Mitspieler sehen nicht den 40-Jährigen, sondern die Karriere, die großen Nächte von Porto, Rio oder Wembley. Sie sehen einen Spieler, der fast alles erlebt hat, was man erleben kann. Es ist keine Magie, aber man nennt es wohl Aura. Und diese Aura, so subtil sie auch sein mag, kann der entscheidende Faktor sein, wenn es um den Traum vom WM-Triumph geht.

Die kommenden Spiele werden zeigen, ob die Aura Neuers ausreicht, um die Zweifel zu zerstreuen und Deutschland einen Schritt näher ans Ziel zu bringen. Denn am Ende zählt nicht die Ausstrahlung, sondern die Fähigkeit, den Ball aus dem Netz zu halten.