Alice bellandi und gennaro pirelli schreiben in tiflis geschichte

Tiflis – ein einzelner Atemzug, zwei Goldschläge. Alice Bellandi krallt sich den EM-Titel im -78-kg-Bereich, Sekunden später feiert Gennaro Pirelli dasselbe in der Klasse bis 100 kg. Die Judo-Welt schaut verblüfft auf Italien.

Roncadelle feiert, die insel trauert

Die Finale gegen Emma Reid war kein Lehrbuch-Judo, sondern ein Kampf gegen die Uhr. Bellandi lag in der Golden-Score-Phase, als sie mit einem kurzen, fast schon verstohlenen O-soto-guruma ein Waza-ari kassierte. Die British verliert die Fassung, der Tappeto in Tiflis bebt. Für Bellandi ist es die fehlende Perle: Olympia, WM, jetzt Europa – das Triple ist komplett.

Die 26-Jährige hatte nach Paris zugelegt, an Power, aber vor allem an Nervenkraft. „Ich bin nicht mehr die Jägerin, ich bin das Ziel“, sagte sie im Mixed-Zone-Gewusel. Genau das macht sie gefährlich. Reid, sonst ein Tank, wirkte plötzlich wie ein Formel-1-Auto mit Handbremse.

Pirelli beendet das warten der männer

Pirelli beendet das warten der männer

Kurz darauf folgt der nächste Hammerschlag. Gennaro Pirelli, lange im Schatten von Tonalis und Mungai, wirft den Georgier Tchavtchavadze mit einem fließenden Uchi-mata-Sukashi-Kombi. Die Halle verstummt, dann brüllt die italienische Anhangsecke. Es ist das erste EM-Gold für einen Azzurri im Halbschwergewicht seit zwölf Jahren.

Die Zahlen sprechen klar: zwei Finali, zwei Gold, null Gegenpunkte. Ein Tag, der in den Statistikbüchern rot unterstrichen wird.

Backstage fallen sich die beiden Champions in die Arme. Bellandis Vater hält das Handy hin, die Tränen sind echt. „Wir haben uns in den letzten Monaten gegenseitig hochgezogen“, flüstert Pirelli. Kein Marketing-Satz, sondern Kampf-gemeinschaft in Reinform.

Mit diesem Doppelschlag übernimmt Italien die Führung im Medaillenspiegel. Und wirft dem Rest Europas eine Frage hin: Wer stoppt diese Maschine? Die Antwort muss bis Baku 2026 reifen. Bis dahin trägt Roncadelle Gold, Tiflis Glanz – und der Rest der Judo-Welt ein bisschen Angst.