Alberto angela entführt rai-zuschauer in ein geheimes paris
Die Kamera schnellt über leere Boulevards, bleibt an einem verrosteten Bücherstand am Seine-Ufer hängen und landet schließlich in einem Atelier, wo Nadel und Stoff flüstern – das ist kein Paris, das man kennt, das ist das Paris, das Alberto Angela heute Nacht um 21.30 Uhr auf Rai 1 entzaubert.
Jenseits von louvre und eiffelturm
Statt Postkarten-Motive serviert „Ulisse – Il piacere della scoperta“ eine Hauptstadt, die sich in Nebenschauplätzen neu erfindet. Los geht’s in den Vororten, wo das Schloss Vaux-le-Vicomte wie ein barocker Traum im Niemendland steht – nur 50 Kilometer von der City, aber Lichtjahre vom Touristenstrom entfernt. Gleich danach führt die Reise nach Chantilly, dessen Kunstsammlung der des Louvre nur noch nachsteht und dessen süße Sahne seit Jahrhunderten Franzosen und Touristen gleichermaßen verführt.
Die Kamera schwenkt weiter nach Giverny, in Monets Garten. Die Wasserlilien sind noch nicht geöffnet, doch Angela kriegt trotzdem die Farben auf die Mattscheibe – ein Impressionismus in Echtzeit, der die Zuschauer in die Pinselstriche des Malers tauchen lässt.

Napoleons letzte ruhe und ein karussell der zeit
Wer glaubt, jetzt würde es klassisch, wird wieder überrascht: Hotel des Invalides, riesige Kuppel, goldener Altar – doch statt Marschmusik erklingt ein fast meditatives Klackern, wenn Angela die Schuhe über Granit gleiten lässt. Direkt darunter ruft ein Musée kaum jemandem kennt: das Musée des Arts Forains, ein Labyrinth aus Jahrmarktkarussellen aus dem 19. Jahrhundert, in dem die Zeit stehenbleibt und die Kugel des Empire plötzlich wie ein Kinderkarussell wirkt.

Paris als drehbuch der welt
Zwischen Secondhand-Büchern an der Seine und der Nationalbibliothek spannt sich der Bogen zur Stadt, die nicht nur gelesen, sondern auch verfilmt wurde. Angela lotet die DNA von Fotografie und Kino aus, die hier das Licht der Welt erblickte und Paris zur „Stadt der Liebe“ machte. Ein Sprung in Victor Hugos Schreibstube, ein Kaffee bei Dumas – Literatur wird zum Live-Erlebnis.
Dann die Modewelt: Atelier Azzedine Alaïa, Nähmaschinen wie Formel-1-Boliden, dazwischen Carla Sozzani, die mit einem Satz erklärt, warum ein Kleid mehr sein kann als Stoff. Und weil ein Abend in Paris ohne Geschmack nicht endet, kippt Angela zum Finale eine perfekte Crêpe in einer Seitengasse – so dünn, dass das Tageslicht fast durchscheint.
Fazit: 100 Minuten, null Klischees, ein ganzes Universum. Angela liefert keine Stadt, er liefert ein Gefühl – und das schmeckt selbst nach 35 Jahren Sendezeit noch nach mehr.
