83 Rennen, 36 starts, ein leben: emma aicher schreibt ski-weltcup-geschichte

Ein einziger Riesenslalom am Kronplatz fehlte in ihrer Sammlung. 36mal trat Emma Aicher in dieser Saison an, öfter als jede andere Fahrerin im Weltcup – und öfter als die meisten Piloten in der Formel-1. Die 22-Jährige aus dem Allgäu wurde damit zur lebenden Antwort auf die Frage, wie viel Wettkampf ein menschlicher Körper aushält, bevor er nur noch aus Muskelkater und Adrenalin besteht.

Die zahl, die alles sagt: 36 starts, drei podeste, null ausreden

Die Saison begann in Sölden, endete in Saalbach, und dazwischen lag ein Marathon, der selbst erfahrene Materialtechniker ins Stotzen brachte. Aicher fuhr Slalom, Riesenslalom, Super-G, manchmal Abfahrt, immer mit derselben Frisur, derselben leicht verspannten Lächeln. In Åre verpasste sie das Podest als Vierte um 0,12 Sekunden – ein Satz, den sie später mit einem Achselzucken kommentierte: „Dafür bin ich ja nächstes Jahr wieder hier.“

Die Konkurrenz schaute neidisch. Sofia Goggia startete 26mal, vergaß keine Startnummer, aber auch keine Gelegenheit, gegen Camille Rast um Rang drei der Gesamtwertung zu boxen. Mikaela Shiffrin reduzierte sich auf 23 Einsätze, konzentriert auf Technik, mit drei Super-Gs als Experiment. Marco Odermatt fuhr 25 Rennen, holte die große Kugel, verlor dafür aber seine Lieblingsdisziplin – Riesenslalom – an die Konstanz von Aicher.

Wer alles will, muss alles geben – oder zumindest fast alles

Wer alles will, muss alles geben – oder zumindest fast alles

Die Französin Camille Cerutti schaffte es mit 22 Starts gerade noch in die Top-Ten-Liste. Sie ist Speed-Spezialistin, rutscht aber ab und zu in den Riesenslalom, „damit ich nicht vergesse, wie Bremsen geht“. Raphael Haaser, der neue Weltmeister im Riesenslalom, absolvierte 23 Rennen, verpasste bewusst zwei Abfahrten vor Olympia – ein Luxus, den sich Aicher nicht leisten konnte, wenn sie den Gesamtweltcup angreifen wollte.

Die Deutsche profitierte von einem Kalender, der wie ein Puzzle für Ausdauerathleten gemacht ist. Sechs Wocenden mit zwei Rennen, drei mit drei Rennen, einmal vier Tage hintereinander. Ihr Materialsupplier Oliver Strobel packte es in zwei Sätze: „Wir haben 120 Ski dabei gehabt, 60 Paar Stangen verloren, und sie hat jeden einzelnen Testlauf mitgefahren. Am Ende wusste sie, wie jede Spur auf jeder Piste riecht.“

Doch die Frage bleibt: wie lange hält das? Der Körper gibt sich mit Mikronährstoffen und Eisbaden zufrieden, der Kopf braucht Motivation. Aicher lachte nach dem letzten Rennen in Saalbach: „Wenn ich nächstes Jahr 37 Starts schaffe, bin ich Weltmeisterin im Weltcup-Starten.“ Dann wurde sie ernst: „Aber vielleicht gewinne ich ja vorher mal eine Abfahrt, dann spare ich mir das.“

Die Saison ist vorbei, die Bestleistung steht. 36-mal starten, 36-mal ankommen, kein Sturz, kein Ausfall. In einer Zeit, in der Skifahren oft nach Showbusiness aussieht, liefert Aicher den Beweis: Ausdauer ist keine Disziplin, sondern eine Haltung. Und die zählt mehr als jede Kugel.