25.000 Fans wollen sehen, wie stuttgart die zweite liga sprengt

Am Samstag wird die MHP Arena zum Kessel. 25.000 Tickets weg, Rekordmarke der 2. Frauen-Bundesliga schon jetzt pulverisiert. Der VfB empfängt Mainz 05 – und könnte mit einem Sieg den Aufstieg so gut wie perfekt machen. Fabienne Dongus lacht kurz, als sie gefragt wird, ob sie schon schläft. „Die positive Anspannung ist da, klar. Aber schlafen wir trotzdem. Wir wollen Geschichte schreiben, nicht nur erleben.“

Dongus und ihre schwaben wollen nicht nur feiern

19 Spiele, nur eine Niederlage – die Statistik wirkt wie ein Druckmantel. Doch die Kapitänin redet sich nicht in Euphorie. „Wir haben gelernt, dass Tabellenstände am Samstagabend nur Papier sind.“ Das 5:4 im Hinspiel in Mainz war ein Offensivspektakel, aber auch ein Warnschuss: 0:4 nach 35 Minuten, erst dann der Befreiungsschlag. Sportdirektor Sascha Glass spielt den Vorfall herunter: „Wir wissen, wie man zurückkommt. Wir wissen auch, wie man vorne liegt. Am Samstag entscheidet, wer die Nerven besser kontrolliert.“

Mainz ist seit sieben Spielen ungeschlagen, hat nichts zu verlieren. Trainer Heiko Gerber schwört seine Elf auf Kleinigkeiten ein: Zweikampfverhalten, Staffelung, räumliche Aggressivität. „Wenn wir nur 80 Prozent bringen, reicht das nicht gegen Mainz. Die brennen aufs Derby, sie wollen zeigen, warum sie in der Tabelle vorne mitmischen.“ Die Mainzerinnen haben mit Laura Feiersinger eine Österreicherin in Topform, dazu die ex-Stuttgarterin Melissa Kössler, die in der Arena zurückkehrt – ein Psychofaktor, den Gerber nicht unterschätzt. „Sie kennt jeden Rasenfaser, kennt die Kabine, kennt viele Gesichter auf der Tribüne. Fehlt nur noch, dass sie uns den Sieg erzielt.“

Rekordkulisse soll nicht nur kulissen sein

Rekordkulisse soll nicht nur kulissen sein

Die Verantwortlichen haben ein Konzert vor dem Spiel organisiert, Food-Trucks, ein Fanzelt mit Moderation. Die Stadt Stuttgart hat Extra-Verstärkerbusse freigeschaltet, die Polizei plant größere Kräftestreifen. Doch Dongus will keine Show, sie will Punkte. „Wir haben großes Ziel vor Augen“ – ihren Satz aus dem SWR-Interview nimmt sie wörtlich. Die 31-Jährige stammt aus Nürtingen, 15 ihrer Mitspielerinnen kommen aus der Region. „Wir spielen nicht für Likes, wir spielen für den Aufstieg. Und für die Mädchen, die morgen das erste Mal im Stadion sind und sich denken: Ich will auch so sein.“

Die letzten Wochen waren kein Selbstläufer: 4:3 gegen Frankfurt II, 3:2 in Ingolstadt – jeweils in der Schlussphase entschieden. Gerber nennt es „Charaktertests“. Glass spricht offen über die Schwächephase: „Wir haben Gegentore durch Standards kassiert, haben den Rückraum nicht zugemacht. Das haben wir trainiert, bis die Schuhe qualmten.“ Die Zahlen sprechen dennoch für Stuttgart: 63 Tore erzielt, 18 kassiert – beides Liga-Bestwert. Mainz steht bei 48:25, klingt moderater, ist es nicht. Die 05er gewinnen ihre Tore oft nach Ballgewinn in der Vorwärtsbewegung, Stuttgart dagegen nach langer Ballstaffelung. Crash zweier Philosophien.

Kurz vor dem Anpfiff wird Dongus noch einmal in den Block blicken, in dem ihre Eltern sitzen. „Die haben mich früher zu jedem Hallenturnier gefahren, auch wenn ich nur zehn Minuten spielte. Jetzt sind 25.000 da. Das ist schön. Aber schön wird es erst, wenn wir anschließend auf dem Rasen stehen und die Hände in die Luft reißen.“ Schwebt der VfB nach dem 30. Spieltag auf Platz eins, winkt die Meisterschale. Verliert er, rückt Mainz auf drei Punkte heran – und die Saison droht zu kippen. Glass zuckt mit den Schultern: „Fußball ist kein Wunschkonzert. Aber wir haben den besseren Gesangbuch.“

Kick-off 14 Uhr, ARD-Livestream, DAZN-Konferenz. Die Wetter-App zeigt 17 Grad und Sonne an. Perfekt, um Geschichte zu schreiben – oder sie abzuschreiben. Für Dongus gibt es nur Variante A. „Wenn wir gewinnen, können wir Montag ausschlafen. Aber erst dann.“ Die Rekordkulisse wartet, der Aufstieg auch. Die Schwaben haben sich ihre eigene Dramatik erspielt. Jetzt heißt es: Bühnenbild ab, Schlagzeuger ein – und der Ball rollt.