2000 Filme, ein festival: wie birger schmidt den fußball neu erfand
2000 Filme hat Birger Schmidt gesehen, 40 davon zeigt er ab morgen im Berliner Kino Colosseum. Das 11mm-Footballfilmfestival startet mit einem Wiedersehen der WM-Helden von 1990 – und endet vermutlich wieder mit Tränen, als ein Junge aus Samoa seinen ersten Ball trifft.
Ein kolner geschenk und ein argentinischer roadtrip
Schmidt ist Fan des 1. FC Köln. Als ihm ein Kölner Regisseur zwei Dokus über den Club und über Heinz Flohe präsentierte, habe er geweint, sagt er. „Ein kleiner Rausch.“ Dann kam Asif Kapadias Maradona-Film – „herausragend, brillant gemacht“. So beginnt jede Festival-Saison: mit einer Träne und einem Kick.
Seit 2004 jagt der 53-Jährige durch Archive, Streaming-Plattformen und Festivals. 150 Einsendungen pro Jahr landen auf seinem Schreibtisch, dazu 50 aus der Anfangszeit. Die Rechnung ist simpel: „In 20 Jahren rund 2000 Filme.“ Keiner davon kam ins Programm, nur weil ein Ball rollt. „Es muss beides stimmen: der Film und der Fußball.“

Vom computer-elfmeter zum sozialen brennpunkt
Früher sei schon ein schlecht animiertes Stadion ein Highlight gewesen, erinnert sich Schmidt. Heute schicken Studios Budgets für Fußball-Serien wie „Ted Lasso“ ins Rennen, und Dokus wie „Next Goal Wins“ laufen weltweit. Die Technik ist besser geworden, die Geschichten aber sind das, was das Publikum in die Kinos treibt.
Deshalb steht dieses Jahr „Bleib am Ball“ auf dem Programm – ein Film über einen Jungen mit Querschnittslähmung, der seinen Weg in einen Verein findet. 1500 Berliner Schüler sehen ihn in Vormittagsvorstellungen. Daneben läuft „Im Osten was Neues“ über einen Ex-NPD-Anhänger, der heute Migranten coacht. „Das ist der Fußball, den wir zeigen wollen“, sagt Schmidt. „Nicht nur Elfmetern, sondern das ganze schöne Drumherum.“

Warum die wm 1990 nochmal zündet
Eröffnet wird das Festival mit „Ein Sommer in Italien – die WM 1990“. Franz Beckenbauer, Rudi Völler, Lothar Matthäus: alte Helden, alte Trikots, alte Gefühle. „Man geht mit einem guten Gefühl nach Hause“, verspricht Schmidt. Nach 34 Jahren ist das genug, um ein Kino zum Kochen zu bringen.
Danach geht’s weiter nach Argentinien, wo ein Maradona-Fan per Anhalter durchs Land tuckert, und nach München, wo die Serie über den Fall von 1860 München auf Spielfilmlänge geschnitten wurde. „Fast schon Satire“, lacht Schmidt. „So schräg, dass man es kaum glauben mag.“
Am Ende bleibt eine Zahl: 2000 Filme. Und eine Erkenntnis: Fußball ist erst dann interessant, wenn er aufhört, nur Fußball zu sein. Dann wird aus einem Elfmeter eine Geschichte, aus einem Festival ein Spiegel der Welt. Schmidt hat ihn poliert – und Berlin darf ihn sich von morgen an wieder ansehen.
