150 Dollar für 30 minuten: new york erpresst wm-fans mit bahnpreisen

Die Freude auf das DFB-Gruppenspiel am 25. Juni gegen Ecuador dauerte exakt so lange, bis die erste Fahrkarte gebucht werden sollte. 150 Dollar – umgerechnet 127 Euro – verlangt New Jersey Transit für die 30-minütige Zugfahrt von Manhattan zum MetLife Stadium und zurück. Normalpreis: 12,90 Dollar. Die Nachricht schlug ein wie ein Elfmeter ins eigene Tor.

Kein ticket, kein zug: die 1.200-prozent-preisexplosion

Die Begründung des Verkehrsverbands klingt wie ein schlechter Witz: „Spezialservice während des Turniers“. Tatsächlich rollt kein einziger zusätzlicher Waggon, keine Express-Linie, keine kostenlose Shuttle-Brücke. Es ist einfach die übliche Pendlerbahn – nur mit astronomischem Aufschlag. Auch Kinder und Rentner zahlen den vollen Satz. Wer sparen will, kann laufen: 18 Kilometer Fußmarsch über die Interstate 95.

Der Preis setzt sich zusammen aus 70 Dollar Hin- und 80 Dollar Rückfahrt. Warum der Rückweg teurer ist? „Höhere Nachfrage nach dem Abpfiff“, antwortete ein Sprecher trocken. Dabei haben gerade die Organisatoren 2018 noch in ihren Host-City-Verträgen „kostenlosen Fantransport“ versprochen. Die Klausel wurde stillschweigend gestrichen – „in Anerkennung der finanziellen Belastung“, wie die FIFA formuliert. Ironie ist keine Sportart, die man in Zürich pflegt.

Europäische fans empört – dfb-fans besonders betroffen

Europäische fans empört – dfb-fans besonders betroffen

Thomas Concannon, Chef der englischen Football Supporters’ Association, spricht von „astronomischen Kosten“ und warnt: „Die Botschaft lautet: Wir wollen euch nicht hier.“ Für deutsche Anhänger kommt hinzu, dass die Partie gegen Ecuador bereits die zweite Gruppenphase-Begegnung ist. Flug, Hotel, Tickets – und nun noch 150 Dollar pro Person nur für die Anreise ins Stadion. Eine Familie mit zwei Kindern zahlt allein für den Transport 600 Dollar, bevor das erste Bier kalt ist.

Vergleiche mit der WM 2022 in Katar oder der EM 2024 in Deutschland tun den Rest. Dort hatte ein Spielticket automatisch freie Fahrt im öffentlichen Nahverkehr bedeutet. In den USA wird der Fan zur Melkmaschine. Und New York ist kein Einzelfall: In Boston kostet der Bus zur Arena 95 Dollar, die Bahn nach Dallas liegt bei 80 Dollar – jeweils nur Hin und zurück.

Fifa weist jede verantwortung zurück

Fifa weist jede verantwortung zurück

Auf Nachfrage des SID zeigte sich ein FIFA-Sprecher „ziemlich überrascht“ über die Kritik. Man kenne kein vergleichbares Großereignis im MetLife Stadium, bei dem der Veranstalter die Transportkosten übernommen habe. Dass die eigenen Verträge einst kostenlosen Transport versprachen, verschwieg man geflissentlich. Stattdessen verwies man auf die „wirtschaftlichen Auswirkungen“ der WM – schließlich strömen „Millionen von Fans nach Nordamerika“. Offenbar sollen sie vor allem in die Kassen von New Jersey Transit strömen.

Die Gouverneurin von New Jersey, Mikie Sherrill, hatte die FIFA aufgefordert, die Kosten zu übernehmen. Die Antwort war ein Schulterzucken mit 1,2 Milliarden Dollar Gewinn im Rücken. Die FIFA erhält 4,7 Milliarden Dollar allein aus TV-Rechten, doch 150 Dollar pro Fanschein sind zu viel des Guten.

Die stimmung kippt – schon vor dem eröffnungsspiel

Social-Media-Kanäle kochen. „Ich bleibe im Pub“, schreibt ein User aus Hamburg. „Dafür kann ich mir zwei neue Trikots kaufen“, ergänzt ein Kölner. Die Sorge der Organisatoren: Wenn schon Gruppenspiele solche Preise erzeugen, was passiert beim Finale? Experten rechnen mit 250 Dollar und mehr. Die NFL verlangt für die Play-offs 40 Dollar – die WM verzehnfacht den Betrag.

Der Deutsche Fußball-Bund reagierte zurückhaltend. Man „beobachte die Situation“, hieß es. Beobachten reicht nicht, wenn die eigenen Fans tagelang sparen, um dann im überfüllten Regionalzug neben Investmentbankern zu stehen, die 150 Dollar locker zwischen Aktiendepot und Starbucks verlieren.

Am 25. Juni um 18 Uhr Ortszeit rollt der Ball im MetLife Stadium. 82.500 Zuschauer werden erwartet – und vermutlich 82.500 mal 150 Dollar in die Kassen von New Jersey fließen. Die FIFA feiert das Turnier als „Fest der Völker“. Die Realität sieht aus wie ein Fest der Preise. Die Fans? Die haben bereits verloren, bevor die Nationalhymne ertönt.