1,5 Sekunden entziehen anja wicker den traum vom komplett-set
Die Ziellinie war erreicht, doch die Freude blieb aus. 1,5 Sekunden – nicht mehr als ein Atemzug im 10-km-Rennen – trennten Anja Wicker am Mittwoch von der Bronzemedaille im Sitzen-Ski-Langlauf. Die 34-jährige Stuttgarterin, bis dato Silber- und Bronze-Gewinnerin im Biathlon, musste sich mit Rang vier begnügen. Die Paralympics verpassen eben auch ihrer Karriere das perfekte Triple.
Die spur wurde zur falle
Bei Halbzeit lag Wicker noch in Medaillenposition. Doch auf der immer weicher werdenden Schneepiste von Milano Cortina verlor sie in den letzten zwei Kilometrn den Anschluss an Kendall Gretsch. Die US-Amerikanerin schob sich vorbei, während Oksana Masters und Yunji Kim schon längst in einer anderen Liga unterwegs waren. Am Ende fehlten 57,5 Sekunden auf Masters – eine halbe Ewigkeit, wenn man bedenkt, dass Wicker im Vorjahr noch auf derselben Distanz Weltmeisterin war.
Die Temperaturen kletterten auf plus sieben Grad, die Kunststoffspur verformte sich, mehrere Athletinnen stürzten. Wicker blieb auf den Ski, verlor aber den Rhythmus. „Ich habe gespürt, wie die Kraft schwand, als die Sonne höher stand“, sagte sie später. Ihr Blick war leer, die Stimme rauer als sonst. Die Saison hatte sie mit Rückenproblemen begonnen, dennoch holte sie im Biathlon zwei Edelmetalle. Jetzt fehlt nur noch Gold – und das wird in vier Jahren in den französischen Alpen wieder verliehen.

Der verzicht, der alles veränderte
Merle Menje verzichtete kurzfristig auf den Start – Herzrhythmusstörungen. Andrea Eskau, die achtmalige Paralympicssiegerin, wurde Zehnte. Die deutsche Delegation reist mit zwei Biathlon-Medaillen und vielen Fragen heim. Sportdirektorin Martinique Jannik sprach von „einem Tag, der uns lehrt, dass 1,5 Sekunden mehr sind als eine Handbreit“. Für Wicker bleibt die Erkenntnis: selbst eine perfekte Vorbereitung schützt nicht vor dem Schmelzwasser unter den Latten.
Mit fünf Paralympics-Medaillen im Gepäck – darunter Gold von Sotschi 2014 – wird sie die Heimreise antreten. Die Frage ist nicht, ob sie weitermacht, sondern wie lange ihr Körper mitspielt. Die nächste Weltmeisterschaft ist in zwei Jahren in Österreich. Bis dahin sind es 730 Trainingstage – und unzählige Schneekristalle, die sich hoffentlich nicht wieder in Wasser verwandeln, bevor sie das Ziel erreicht.
