104 Jahre ohne profifußball: ligorna-kapitän besiegt krebs und jagt den traum
Paolo Scannapieco spielte seine schwerste Partie außerhalb des Platzes – und gewann. Der 27-jährige Kapitän des Ligorna Calcio kämpfte gegen einen bösartigen Tumor, kehrte nach drei Wochen zurück und führt die älteste Genueser Amateurmannschaft nun auf dem Weg in die Serie C.
Der tag, an dem der tumor die kabine betrat
„Drei Jahre halte ich mundtot“, sagt Scannapieco, während er die Trainingsweste zurechtzieht. „Die Diagnose war ein Tritt in die Magengrube.“ Die Parotis – die Ohrspeicheldrüse – hatte sich gegen ihn verschworen. Die Ärzte operierten sofort, vier Stunden lang. Keine Metastasen, aber ein Loch im Gesicht und die Frage: Werde ich wieder kicken dürfen? Seine Antwort war ein kurzer Nicken, dann fragte er nach dem Spielplan.
Die Narbe verläuft entlang des Kiefers, unter der Haut ein kleiner Silikonstreifen, damit das Lächeln nicht verrutscht. An den Trainingstagen fährt er morgens um 5:47 Uhr von Loano los, zweimal umsteigen, 62 Minuten mit dem Regionalex, dann die Vereinsschuttle zum Stadion Valpolcevera. „Ich brauchte keine Psychologin, ich hatte den Ball“, sagt er. „Wenn du in Seria D spielst, weißt du, was Arbeit bedeutet. Der Krebs war einfach nur ein härder Gegner.“

Von borriellos wut bis gasperinis lächeln
Seine Fußballbiografie liest sich wie ein vergessener Subplot des modernen Calcio. 2015 holte Gian Piero Gasperini ihn zum Profikader des FC Genua, Flug nach Rom, Olympiastadion, De Rossi und Dzeko in der Kabine. „Ich war der Jungspund, der Wasserflaschen trägt und auf Salahs Trikot spekuliert“, lacht er. „Mohamed hat es mir gegeben, hängt heute über meinem Sofa.“ In einem Trainingsspiel ging er Borriello zu spät, der Stürmer drehte sich wutentbrannt um. „Ansaldi hat mich dann beruhigt, hat mir seine Kopfhörer aufgesetzt. Musik gegen Angst.“
Die Profikarriere blieb ein Flirt. Stattdessen folgten Seria D-Clubs wie Postleitzahlen: Virtus Bergamo, Pavia, Imperia. „Immer weiter, immer neben der großen Bühne“, sagt er. „Aber nie bitter. Ich bin Genueser, mein Vater arbeitete im Hafen. Für uns ist Arbeit keine Metapher.“ Als er beim AC Inveruno spielte, schraubte morgens Computer-Motherboards zusammen, nachmittags trainierte er. „Die Kollegen haben mich ‚Scanna‘ genannt, weil ich die Bauteile so schnell abräumte wie Gegner beim Konter.“

Der pokaltisch ist gedeckt, das finale fehlt
Ligorna führt die Gruppe A mit 59 Punkten an, drei Niederlagen, 23 Tore kassiert. „Wir haben keine Superstars, nur Jungs, die sich gegenseitig anschreien und dann Pizza essen gehen“, sagt Trainer Matteo Pastorino. Am Sonntag folgt das Derby gegen den Vado, die Rivalen nur acht Kilometer die Küste runter. „Wenn wir gewinnen, sind wir keinen Schritt näher an C, aber einen weiter weg von der Vergangenheit“, sagt Scannapieco. „104 Jahre ohne Profifußball – das ist keine Statistik, das ist eine Familienkrankheit.“
Die Hochzeit steht bereits fest: Juni, Anna, seine Jugendliebe. „Wenn wir am Ende aufsteigen, sparen wir uns den Flitterwochen-Flug, wir fahren mit der Mannschaft nach Genua und feiern auf dem Kutter meines Onkels“, sagt er. „Serie C als Hochzeitsgeschenk – schöner kann ein Scudetto nicht aussehen.“
Er streift sich das Kapitänsbinde über, das weiß-blau des Ligorna. Die Narbe blinkt kurz im Abendlicht. „Krebs hat mir gezeigt, dass Zeit kein Bonus ist, sondern ein Gegner, der in der Nachspielzeit trifft. Deshalb spielen wir jetzt. Jeden Tag. Ohne Druck, aber mit offener Brust.“ Der Ball rollt, Scannapieco sprintt los – und für einen Moment sieht es aus, als würde die 104-jährige Geschichte endlich ein Tor erzielen.
