Zu fuß zurück ins leben: italiens binnenland erlebt pilger-boom
300 000 Menschen haben 2025 Italiens vergessene Wege entlang gezerrter Schultern hoch. Ergebnis: 336 Millionen Euro, die nicht in Mailands Flagship-Stores oder den Airbnb-Konten von Rom versickern, sondern in der Tasche von Marias Trattoria in Gorreto landen – einem Dorf mit 73 Seelen, das seit zehn Jahren keine Post mehr hat.
Die karte lügt nicht
Terre di Mezzo hat 4 328 Fragebögen ausgewertet und festgestellt: Wer den Via Romea Strata oder die Via Francigena geht, bleibt durchschnittlich 7,4 Tage und gibt 87,29 Euro täglich aus. Klingt nach Kleckerbetrag? Macht bei 2,4 Millionen Nächtigungen jährlich eine Wirtschaft, die allein 2025 um 56 Prozent wuchs. Die Staatskasse schläft. Die Pilger nicht.
Die sogenannten „Cammini minori“ – 250 registrierte Routen, viele ohne Homepage, manche nur durch einen blassen gelben Pfeil an der Mauer markiert – sind zu Hauptadern geworden. Dort, wo die Politik von „Euthanasie“ landlicher Zonen fabulierte, schläft man jetzt wieder in umgebauten Schulen, die dank SchafsKäse-Verkauf und Gemeinschaftsduschen Überleben sichern.
Der neue wanderer trägt keine bommelmütze
27 Prozent sind jünger als 45. Die meisten kommen aus der Lombardei, dem Veneto und der Emilia-Romagna – also aus Gegenden, in denen man eher Tempo 130 als 4 km/h gewöhnt ist. Corona, Klimakrise, Burn-out: alles Druckverstärker, die den Bogen von Mailand nach Assisi spannen. Die Frauen hatten 2024 noch die Mehrheit, 2025 überholten die Männer mit 51,4 Prozent – ein statistisches Kopf-an-Kopf-Rennen, das selbst die Statistiker überraschte.
Und das Jubeljahr 2025? Papstbesucher strömen nach Rom, klar. Doch der eigentliche Effekt ist randständiger: In Acquapendana verdreifachte sich der Umsatz mit Pilgerpässen, in Radicofani reicht ein einziger Kiosk jetzt für den Lebensunterhalt zweier Familien. Der Heilige Stuhl bekommt die Seelen, die Berge die Bare.
Italiens Inneres atmet auf, ohne dass ein Ministerium Flagge zeigt. Die Wanderschuhe erledigen, was Strukturfonds versprechen und nicht halten: Sie verteilen Geld mit jedem Schritt. Wer denkt, dass 336 Millionen Euro ein Nischenphänomen sind, sollte wissen: Das entspricht inzwischen dem jährlichen Etat, den der Staat für den Erhalt von 2 300 verlassenen Dörfern locker veranschlagt – nur dass diesmal niemand darauf warten muss, dass ein Gesetz beschlossen wird. Die Next-Generation-EU trägt eben doch am besten Ledersohle.
