Zeckenbiss, borreliose, comeback: steinhauser jagt vingegaard in paris-nizza

Georg Steinhauser trägt wieder Weiß – und meint damit nicht die Farbe der Hoffung, sondern das Weiße Trikot des besten Jungprofis bei Paris-Nizza. 5:50 Minuten hinter Jonas Vingegaard, 19 Sekunden vor seinem französischen Angreifer Kevin Vauquelin: Das klingt nach Sekundenschlacht, ist aber ein Kraftakt nach der Borreliose-Hölle des vergangenen Jahres.

Die attacke bei schneeregen legte den grundstein

Etappe vier, Sturm, Graupel, 900 Höhenmeter – und plötzlich ein EF-Orange Blitz, der sich aus der Gruppe löst. Steinhauser wird Fünfter, schlägt Martinez, schlägt Soler, schlägt die Zeitfahr-Granaten. «Ich habe mir die Ergebnisse noch gar nicht angesehen», sagt er mit verschneiter Brille, «ich weiß nur, dass ich das weiße Trikot trage.» Diese Art von Selbstverständlichkeit ist keine, sie ist Resultat eines Wintertrainings, in dem er sich jeden Morgen fragte: Geht heute überhaupt ein Bein hoch?

Die Antwort liefert er seit Sonntag in jedem Rennkilometer. Zwischen den Weingärten von Colombier-le-Vieux holt er auf der fünften Etappe Rang acht, verliert keine Sekunde an Vauquelin, hält den dritten Gesamtrang. Die Zahlen wirken nüchtern, doch dahinter steckt ein Körper, der monatelang Zuckungen, Schwindel und Nervenbrand ausgesetzt war. Borreliose ist kein Schnupfen, sie frisst Muskelfasern, sie frisst Selbstvertrauen. Steinhauser musste beides wieder aufbauen.

Pogacar und ullrich sprechen das aus, was alle denken

Pogacar und ullrich sprechen das aus, was alle denken

Tadej Pogacar, der aktuell beste Rennradler des Planeten, lässt seinen Blick über die Startliste von 2026 wandern und sagt: «Er wird ein großer Fahrer, wir sollten ihn im Auge behalten.» Onkel Jan Ullrich, zehn Jahre mit Steinhausers Tante verheiratet, schickt Sprachnachrichten an die Familien-WhatsApp-Gruppe, sobald der 24-Jährige eine Steigung in Angriff nimmt. Prominente Fans sind schön und gut, bringen aber keine Sekunden auf der Uhr.

Die muss Steinhauser sich am Freitag selbst erkämpfen. Barbentane–Apt, 179,3 km, vier Bergwertungen, Kalkfelsen, Mistralwind. Dann Samstag mit der Bergankunft auf La Colle-sur-Loup, Sonntag mit dem finalen Hügelzirkus rund um Nice. «Wir werden den Plan für die nächsten Tage festlegen müssen», hatte er gesagt – klingt nach understatement, ist aber die Einsicht, dass EF Education-EasyPost bei jedem Angriff des Ineos-Kaders um Vauquelin reagieren muss.

Steinhaus­ers Vater Tobias fuhr einst das Zeitfahren bei der Tour, kennt die Dezimierung durch die Berge. Er wird am Straßenrand stehen, Arm aus dem Fenster, und wissen: Ein Tick zu schnell auf der Abfahrt, ein Moment ohne Fokus, und die 19 Sekunden sind weg. Dann wäre aus dem Traum vom Podest eine Rennunglücksgeschichte geworden.

Aber das ist es nicht. Es ist die Geschichte eines Körpers, der sich gegen Bakterien und Selbstzweifel stemmt, und der jetzt in der Sonne der Côte d’Azur wieder aufblitzt. Georg Steinhauser fährt nicht nur mit, er fährt an der Spitze mit. Und wenn er Sonntag nachmittag auf der Promenade des Anglais eintrudelt, wird er wissen: Das Weiße Trikot passt wieder. Und diesmal riecht es nicht nach Medikamenten, sondern nach Meer, nach Magnesium, nach einer Saison, die gerade erst beginnt.