Xhaka zerreißt nach 3:4-krimi die nerven – und lobt wirtz als einmal-genie
Ein Tor kommt zu spät, ein Pass zu kurz, ein Zweikampf zu spät eingestiegen – drei Sekundenbruchteile haben der Schweiz den Sieg gegen Deutschland gekostet. Am Ende flimmert 3:4 über das Stadionbild, und Granit Xhaka stemmt die Hand gegen die Wand der Mixed-Zone, als wollte er die Fehler festhalten. „Wenn wir auf diesem Niveau so leichtsinnig verteidigen, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass wir bestraft werden.“
Die kurze phase, die alles kaputt macht
40. Minute: Breel Embolo hatte das 3:1 am Fuß, die deutsche Abwehr wirkte wie gelähmt. Stattdessen schlägt Marc-André ter Stegen den Ball ins Zentrum, Joshua Kimmich sprintet, Florian Wirtz nimmt ihn mit, und Sekunden später steht’s 2:2. „Genau dieser Moment ist der Grund, warum wir verlieren“, sagt Xhaka, ohne die Stimme zu heben. Die Wortwahl ist messerscharf, seine Augen glühen. „Wir haben ihnen Raum geschenkt, den sie nicht einmal mehr suchen mussten.“
Es ist dieselbe Ruhe am Ball, die Xhaka an den deutschen Rivalen bemängelt – und die er gleichzeitig als Lehrstoff für die eigene Truppe deklariert. „Schaut euch Wirtz an. Er weiß vor jeder Ballannahme, wo der nächste Pass landet. Das ist keine Magie, das ist jahrelanges Hirntraining.“

Wirtz: der mitbewohner, der zum monster wurde
Xhaka und Wirtz teilten zwei Jahre lang die Kabine bei Bayer Leverkusen. Wer glaubt, der Schweizer würte seine Sätze mit Neid, kennt ihn schlecht. „Ich habe mich jeden Tag wie auf dem Trainingsplatz eines U-17-Teams gefühlt – nur dass der Junge neben mir schon damals die Profis alt aussehen ließ“, erinnert er sich. Dass Wirtz an diesem Abend zwei Assists und einen Traumtor-Kracher liefert, versieht Xhaka mit einem schulterzuckenden „logisch“. „Flo wird es nur einmal geben. Deutschland kann sich glücklich schätzen, dass er nicht für Österreich oder Frankreich spielt.“
Die Lobeshymne klingt wie ein Abschiedsbrief an eine Zeit, in der Talent noch gezähmt werden konnte. Mittlerweile jagt Wirtz die Bundesliga, die Champions League, bald vielleicht ganz Europa – und Xhaka steht als Captain vor der nächsten Hausaufgabe: die Abwehr stabilisieren, bevor die EM-Quali beginnt.

Der blick nach vorn: keine erfindung, sondern harte arbeit
Die Niederlage steckt, doch Xhaka spricht nicht von Krisensitzungen, sondern von „Video-Mikroskop-Sessions“. Jedes Zweikampfverhalten wird auf 0,25-facher Geschwindigkeit analysiert, jede Laufpass-Option neu kartiert. „Wir können mit Stolz auf unsere Offensive blicken, aber der nächste Gegner wird nicht so gnädig sein wie die deutsche Reservebank.“
Und ja, er gibt es offen zu: Die Schweiz ist noch nicht bereit für eine Endrunde, bei der sie sich ausschließlich über Tore retten will. „Wir müssen wieder zu der Maschine werden, die in den vergangenen zwölf Monaten 13 Spiele ungeschlagen blieb. Punkt.“
Die Zahlen sprechen für sich: 4 Gegentore in 90 Minuten, die meisten seit dem 0:5 gegen Spanien 2020. Es ist der quantitative Beweis für eine qualitative Lektion – und Xhaka hat sie schon verinnerlicht. „Wenn wir bis Juni nicht gelernt haben, den Ball zu klären, bevor er klärt, fliegen wir früh nach Hause. Kein Drama, nur Realismus.“
