Wück fordert: männerfußball muss lernen, was bei frauen längst normalität ist
Christian Dobrick hat es getan, und jetzt reden alle darüber – statt einfach Fußball zu spielen. Der U19-Trainer von St. Pauli outete sich, und plötzlich wird beim DFB wieder debattiert, statt gelassen zu applaudieren.

Frauen-bundestrainer christian wück spart nicht mit kritik
„Bei den Frauen ist es ganz normal“, sagt er in der Runde auf dem Campus, und meint damit nicht nur das Outing, sondern die Gelassenheit danach. Kein Tamtam, keine Schuldzuweisungen, kein Medienzirkus. Einfach Fußball. Die Männer dagegen? „Vielleicht müssen sie ein bisschen mehr von den Frauen lernen.“
Die Zahl spricht Bände: Erst zwei aktive Profis im deutschen Männerbereich haben sich je geoutet – Thomas Hitzlsperger 2014, Dobrick nun. In der Frauen-Bundesliga zählen Spielerinnen, die mit ihrer Freundin zum Training kommen, nicht einmal mehr als Fußnote. Dort ist das Coming-out keine Story, sondern Alltag.
Auch Julian Nagelsmann nimmt den Spiegel vor: „Es ist etwas Normales.“ Trotzdem müssen wir diskutieren, Statistiken bemühen und Mut attestieren, wo eigentlich nur Normalität herrschen sollte. Der Bundestrainer findet das „nicht richtig“. Dobricks Schritt sei „mutig“, sagt er, und klingt dabei wie ein Arzt, der einem Patienten für eine Impfung Applaus gibt – statt sich zu fragen, warum das noch eine Heldentat ist.
Die Ironie: Je lauter die Solidaritätsbekundungen werden, desto deutlicher wird, wie weit der Weg noch ist. Denn wenn ein Trainer sich outet und die Reaktion der Funktionäre darin besteht, über „mehr Normalität“ zu wünschen, haben sie das Problem schon längst erkannt – und selbst noch nicht gelöst.
Die Lösung? Sie liegt nicht in Pressestatements, sondern in den Kabinen, auf den Rängen, in den sozialen Netzwerken. Dort, wo Schmählieder gegrölt und Beleidigungen gepostet werden. Dort muss Schluss sein mit dem „Schwul“ als Schimpfwort. Dort beginnt der Profisport, endlich Profi zu sein.
Bis dahin bleibt Dobricks Outing ein Stück weit ein einsamer Akt – und zugleich ein Spiegel, der ein ganzes System blitzblank poliert. Die Fußball-Welt kann ihn anschauen oder wegschauen. Wück hat sich entschieden: „Am Anfang ist es immer schwer.“ Der Anfang liegt hinter uns. Die Zukunft beginnt jetzt.
