Wolfsburg rettet 3:3-krimi mit torhüterin im auswärtsdress

Stina Johannes schaut vom Platzrand, die Arme verschränkt, das rote Trikot im Nacken. In der 87. Minute steht sie nach Notbremse unter der Dusche, ihre VfL-Teamkollegin Janina Minge zwischen die Pfosten geworfen – und genau diese Improvisation rettet dem Favoriten am Ende die Weste. Judit Pujols köpft in der fünften Minute Nachschlag zum 3:3 gegen Union Berlin, und Stephan Lerch atmet auf, als hätte er selbst den Ball über die Linie gekloppt.

Ein spiel, das sich selbst zerlegt und neu erfindet

Der Plan war klar: drei Tage vor dem Champions-League-Rückspiel in Lyon noch einmal durchatten, Routine tanken, keine unnötige Energie verschenken. Doch Pläne sind im Frauenfußball oft nur lose Blätter im Wind. Denn was sich ab der 43. Minute im Stadion an der Alten Försterei entfaltet, hat mit Kontrolle so viel gemein wie ein Tornado mit Sommerbrise.

Hannah Eurlins schiebt die Berliner Führung über die Linie, nachdem Guro Bergsvand den Ball wie ein ungeliebtes Geschenk weitergereicht hat. Die norwegische Innenverteidigerin will einfach nur klären, doch der Rasen entscheidet anders. Der Ball kullert, die Menge johlt, und Lerch wirft wie wild Handzeichen. Kurz vor der Pause gleicht Minge per Kopf aus – ein kleines Lebenszeichen, nicht mehr.

Ein eigentor, das keiner so recht fassen kann

Ein eigentor, das keiner so recht fassen kann

Die 62. Minute: Camilla Küver will zurück zu Johannes, spielt aber exakt in den Winkel. Die Torhüterin ist noch in Bewegung, erkennt die Richtung spät, und plötzlich steht es 2:1 für Union. Küver schlägt die Hände vors Gesicht, als hätte sie ein Familiengeheimnis laut ausgesprochen. Berlin tobt, Wolfsburg schaut sich an wie Kinder, die das Spielzeug kaputtgemacht haben.

Jenny Hipp erhöht auf 3:1, bevor Küver sich rehabilitiert und zum 2:3 trifft. Die Wende scheint möglich, doch dann rast Johannes raus, räumt Nele Bauereisen ab – Notbremse, Rot. Weil alle Wechsel verbraucht sind, rückt Minge ins Tor, die Verteidigerin mit den kleinen Händen. Die Union-Anhang pfeift, die Wolfsburger formieren sich wie ein Schachbrett ohne König.

Pujols trifft – und lyon wird nervös

Pujols trifft – und lyon wird nervös

Die fünfte Minute der Nachspielzeit: Flanke von links, Pujols steigt höher als die Berliner Innenverteidigung, köpft, trifft. 3:3. Das Stadion verstummt kurz, nur der Wolfsburger Block brüllt. Trainer Lerch stemmt die Fäuste in den Nachthimmel. „Es war ein sehr wildes Spiel“, sagt er später, als hätte er selbst mitgespielt. „Nach dem Spielverlauf sind wir glücklich, noch den Punkt geholt zu haben.“

Die Tabelle zählt nicht die Dramatik, nur die Zahlen. Wolfsburg bleibt Zweiter, der Rückstand auf Bayern wächst auf 13 Punkte. Die Münchner brauchen nur noch einen Sieg zur Titelverteidigung – ein Satz, der in Wolfsburg wie ein leiser Alarm klingt. Doch zuerst wartet Lyon, das Rückspiel am Donnerstag, 21 Uhr, Disney+. Dort will der VfL den 1:0-Vorsprung aus dem Hinspiel verteidigen, und vielleicht ist genau diese wilde Berlin-Nacht der nötige Brandbeschleuniger.

Die Königsklasse kennt kein Erbarmen – und manchmal reicht ein einziger Kopfball, um eine Saison neu zu justieren. Pujols weiß das, Johannes auch. Und Minge? Die steht wieder in der Abwehr, wo das Tor sie nie erwartet hat.