Wut ist kein feind: expertin erklärt, wie man emotionen richtig versteht

Wer tief durchatmet und positiv denkt, um unangenehmen Gefühlen zu entkommen, irrt sich. Denn Wut, so überraschend es klingt, ist kein Problem, das vermieden werden sollte – sondern ein Signal. Die Emotionsmentorin Sonia Díaz Rois erklärt, warum wir lernen müssen, zuzuhören, bevor die Emotion eskaliert.

Die falle der unterdrückung

Die meisten Menschen haben gelernt, Wut zu verdrängen oder sie ungezügelt auszuleben. Diese beiden Extreme lassen dabei eine riesige Bandbreite an emotionaler Kompetenz ungenutzt. Stattdessen wird Wut oft als etwas Negatives abgetan, das es zu unterdrücken gilt. Dabei ist sie oft ein Weckruf, ein Zeichen dafür, dass eine Grenze überschritten wurde, eine Notwendigkeit unerfüllt bleibt oder eine Situation Unbehagen auslöst. Die Suche nach Sofortlösungen, wenn man bereits von den eigenen Gefühlen überwältigt ist, ist dabei oft vergeblich.

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Es geht nicht darum, wütend zu werden, sondern darum, das Gefühl rechtzeitig zu erkennen und zu verstehen, bevor es zu einer unkontrollierten Explosion führt. Denn Wut ist nicht der Feind – sie ist ein Bote.

Streit als chance nutzen

Streit als chance nutzen

Die zunehmende Schwierigkeit, mit abweichenden Meinungen zu leben, stellt eine weitere Herausforderung dar. Diskrepanzen werden oft als persönliche Angriffe interpretiert, was die Kommunikation erschwert und Konflikte fördert. Aber was wäre, wenn Streit eine Chance wäre? Eine Möglichkeit, den anderen besser zu verstehen, eigene Bedürfnisse auszudrücken und tragfähige Vereinbarungen zu treffen? Es kommt eben darauf an, wie man damit umgeht.

Die Mentorin rät dazu, die Frage nach dem „Warum“ der Wut zu ändern und stattdessen zu reflektieren, „wofür“ diese Emotion überhaupt aufsteigt. Geht es darum, Recht zu haben, oder darum, eine Veränderung zu bewirken? Manchmal bedeutet das, die eigene Haltung zu überdenken, nachzugeben oder eigene Fehler einzugestehen. Denn der eigentliche Kern liegt nicht in der Durchsetzung der eigenen Position, sondern im Verständnis des Bedürfnisses, das hinter der Wut steckt.

Ein Beispiel: Statt sich in ständiger Beschwerde zu verlieren, die lediglich ein Problem aufzeigt, ohne eine Lösung herbeizuführen, sollte man aktiv nach Wegen suchen, diese zu lösen. Die Emotionsregulation ist keine Frage der Vermeidung unangenehmer Gefühle, sondern der bewussten Reaktion darauf.

Die Zahl der Beratungen zum Thema Wutmanagement steigt kontinuierlich. Alleine im letzten Quartal verzeichnete die Beratungsstelle „EmotionsKompass“ eine Steigerung von 15 Prozent – ein deutliches Zeichen dafür, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Emotionen zu verstehen und zu regulieren.