Wirtz zaubert, schlotterbeck stolpert: dfb-sieg trotz defensivchaos

Basel – 4:3 hieß es am Ende, doch die Zahl, die die Schweizer Nacht wirklich erklärt, lautet 6. Sechs Direktbeteiligungen an vier Toren steuerte Florian Wirtz bei, ein Kurzpass hier, ein Traumtor da, zwei Assists und der Siegtreffer in der 86. Minute. Während der Rest der deutschen Mannschaft zwischen Begeisterung und Blackout pendelte, spielte der 22-Jährige wie auf einem anderen Rasen – und rettete Julian Nagelsmann vor dem ersten richtigen Kratzer im WM-Jahr.

Die gala und die baustelle

Druckvoll legte die DFB-Elf los, doch nach 17 Minuten rutschteNico Schlotterbeck erstmals aus, Dan Ndoye traf. Es war kein Zufall. Der Dortmunder verteidigte wie auf Glatteis, zwei Fehlpässe direkt vor Gegentoren, dazu ein Diagonalball, der im Baseler Niemandsland landete. Die Note 5 passt wie der Handschuh auf seine wackelige linke Hand. Neben ihm wirkte selbst Jonathan Tah, sonst sicher wie ein Fels, plötzlich porös. Beim 2:2 durch Embolo stand er einen Schritt zu weit weg, beim 3:3 durch Monteiro einen Gedanken zu spät. Vorne hui, hinten pfui – das alte Lied, neu gespielt von Nagelsmanns Protagonisten.

Doch Wirtz schlug einen anderen Ton an. Sein 3:2 war kein Schuss, sondern ein Statement: Anhaltender Drall, 21 Meter, ins Kreuzeck – Yann Sommer streckte sich vergeblich. Die Schweizer Fans verstummten, die deutsche Bank sprang auf. Auch das 4:3 war typisch Wirtz: Er erahnte die Lücke, ließ zwei Gegenspieler stehen und schob kalt ein. Die Uhr zeigte 86. Minute, das Spiel war gegessen. Liverpool wird’s freuen, Nagelsmann auch.

Kimmich und die offene rechte seite

Kimmich und die offene rechte seite

Hinten rechts agierte Joshua Kimmich, eigentlich Mittelfeldstratege. Die Befürchtung, er könne dort Dampf verlieren, bestätigte sich. Beim 0:1 war seine Seite leer, beim 1:2 half er nach, half aber zu spät. Die Führungsspielerrolle wirkt auf ihn momentan wie ein Zwangspullover: sitzt, drückt, passt nicht ganz. Eine Note 3,5 klingt harmlos, ist aber ein Warnschuss vor dem WM-Knaller gegen Marokko.

Positiv dagegen Serge Gnabry. Der Münchner nahm den Ball mit dem Selbstvertrauen eines Mannes, der weiß, dass er gerade in der Bundesliga alles zerlegt. Vor dem 2:2 blieb er eiskalt, ließ Sommer keine Chance. Note 2,5 – Startelf-Ambitionen untermauert.

Der tag, auf dem baumanns traum kurz trübte

Der tag, auf dem baumanns traum kurz trübte

Oliver Baumann durfte endlich wieder ran, 34 Jahre alt, erst sein fünftes Länderspiel. Beim 0:1 grätschte er zu spät, ließ die Hand runter, der Ball schlug ein. Danach war er nur noch Statist. Ohne Chance beim 1:2, keine Parade bis zum Schlusspfiff. Note 4 – die Devise lautet: Neuer oder Ter Stegen werden gesund, sonst wird’s eng.

Und dann war da noch Kai Havertz, zurück in der Sturmspitze. Er wirkte wie ein Besucher, der das Haus wiedererkennt, aber den Schlüssel verlegt hat. Chancen vorhanden, Rhythmus fehlend. Note 3,5 – wird gegen Marokko wohl wieder von der Bank kommen.

Die botschaft von basel

Die botschaft von basel

Was bleibt, ist ein Sieg, der glänzt und warnt zugleich. Wirtz zeigt, dass die Zukunft schon da ist. Schlotterbeck zeigt, dass die Zukunft noch Verteidiger braucht. Nagelsmann wird die nächsten Tage damit verbringen, die Gala auf Video zu schneiden – und die Baustelle auf dem Reißbrett neu zu planen. Die WM rückt näher, die Uhr tickt. Wer in Katar mitspielen will, muss sich jetzt zeigen, sonst zeigt Wirtz eben allein. Die Nacht in Basel war sein Fest, aber noch lange nicht das Endspiel.