Wirtz zaubert, nagelsmann zittert: deutschlands 4:3 in basel zeigt beide gesichter

Basel – 79 Tage vor der WM in Nordamerika liefert Florian Wirtz eine Doppel-Vorstellung ab, die selbst die kritischsten Stimmen im Stadion verstummen lässt. Mit zwei Toren, zwei Assists und dem permanenten Gefühl, jeden Pass zu treffen, schießt der 23-Jährige die DFB-Elf zu einem 4:3-Sieg gegen die Schweiz – und nagelt gleichzeitig die Probleme seines Trainers ans Kreuz.

Die magie und die risse

Die Magie beginnt in der 61. Minute. Wirtz nimmt einen halbgaren Klärungsversuch der Schweizer mit der linken Sohle mit, dreht sich, zielt, trifft. 3:2. Das Stadion brüllt, Julian Nagelsmann atmet. 25 Minuten später der nächste Zauber: Wirtz chippt, Gnabry sprint, 4:3. Endstand. Die Schweizer, die zwischenzeitlich zweimal in Führung lagen, bleiben mit leeren Händen zurück.

Doch die Risse sind offensichtlich. Drei Gegentore, zwei davon nach individuellen Fehlern von Nico Schlotterbeck, ein Kopfball von Breel Embolo, dem niemand die Luftschnitte verbietet. „Wir haben Tore geschossen wie ein Videospiel“, sagt Nagelsmann nach Abpfiff, „aber hinten raus wie ein Beta-Test.“

Die stamm-elf nimmt kontur an

Die stamm-elf nimmt kontur an

Die Aufstellung von Basel ist kein Experiment, sondern ein Bekenntnis. Mit maximal zwei, drei Korrekturen will Nagelsmann in die WM starten. Jamal Musiala (Adduktoren) und Aleksandar Pavlović (Knöchel) fehlen noch, deshalb gibt Angelo Stiller sein Debüt im Sechser neben Leon Goretzka. Leroy Sané übernimmt die rechte Außenbahn, Serge Gnabry rückt in die Zehn. Die Offensive läuft, die Defensive zittert.

Lennart Karl, 19, eingewechselt in der 70. Minute, bringt frische Beine und die Unbekümmertheit eines Jungen, der 2026 noch U-21 spielen darf. Seine erste Ballaktion: ein Sprint über 40 Meter, ein Zweikampf gegen Granit Xhaka, ein Grinsen. Die Zukunft winkt, doch die Gegenwart fordert ihre Antworten.

Die schweiz schlägt zurück – und bleibt trotzdem ohne punkte

Die schweiz schlägt zurück – und bleibt trotzdem ohne punkte

Murat Yakin wechselt neun Mal, testet Systeme, testet Nerven. Dan Ndoye trifft früh, Joel Monteiro verkürzt spät. Die Schweizer zeigen, war sie bei der EM 2024 im Achtelfinale gegen Deutschland gehalten haben: Ballbesitz, Mut, Umsetzung. Nur die Punkte bleiben in Basel. „Wir haben die besseren Chancen produziert“, sagt Yakin, „aber Wirtz produziert das Ergebnis.“

Die Statistik spricht gegen die Schweiz: seit 2008 warten sie auf einen Sieg gegen Deutschland. Die nächste Chance kommt am 15. Juni 2026 in der WM-Gruppenphase – allerdings nur, wenn beide Teams erneut aufeinandertreffen. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, der Frust groß.

Nagelsmanns Fazit: Lust und LastNagelsmanns Gesicht nach dem Spiel: halb Lächeln, halb Kopfschmerz. „Wir haben gezeigt, wofür wir stehen: Ballbesitz, Pressing, Tempo“, sagt er. „Aber wir haben auch gezeigt, wofür wir brennen: individuelle Fehler, Räume, Lufthoheit.“ Die Lösung: „Wir müssen lernen, dass ein 4:3 nicht nur ein Sieg ist, sondern auch eine Warnung.“

Die WM rückt näher, die Karten liegen offen. Wirtz ist der Joker, Nagelsmann der Spielverderber, der sich selbst inszeniert. In 79 Tagen in Houston gegen Curaçao wird sich zeigen, ob die Magie die Risse überdeckt – oder umgekehrt.