Wirtz packt aus: so rüttelte ihn nagelsmann in der premier-league-krise wach

Florian Wirtz lacht nicht, wenn er an die ersten Wochen in Birmingham denkt. „Ich habe gedacht, der Ball ist hier schwerer, die Gegner sind schwerer, alles ist schwerer“, sagt er und zieht die Augenbrauen hoch. Die Medien loben ihn seit Freitag als „Zauberer“, doch der 23-Jährige weiß: Ohne Julian Nagelsmann hätte er die Saison vielleicht als zerrissener Superstar beendet.

Die nacht, in der nagelsmann den knoten zertrat

Es war Ende Oktober, vier Liga-Spiele ohne Tor, die Schultern eingeklappt wie kaputte Flügel. Da klingelte das Telefon. „Julian sagte: ‚Florian, du bist kein Fehler, du bist ein Prozess‘“, erzählt Wirtz. Der Satz klingt nach Power-Point, aber er traf mitten ins Herz. Nagelsmann ließ ihn seine Zweifel nicht als Schwäche, sondern als Rohstoff erscheinen. Drei Tage später stand Wirtz beim 2:1 in Liverpool auf dem Rasen, gewann 63 Prozent seiner Zweikämpfe – bis dahin Saison-Bestwert.

Die Premier League lehrte ihn, sich „mit Ellenbogen und Hüfte“ Platz zu verschaffen. Die Statistik zeigt: Seit November steigt seine Ballgewinn-Quote im finalen Drittel pro Spiel um 18 Prozent. „Ich merke, dass ich jetzt in der Champions League nicht mehr weggpustet werde“, sagt er und schlägt sich lachend auf die Oberschenkel. Sein Körperfettanteil fiel auf sieben Prozent, sein Sprintwert stieg auf 34,2 km/h – beides Top-10-Werte im aktuellen Kader der Three Lions.

Das tor, das selbst ihm die sprache raubte

Das tor, das selbst ihm die sprache raubte

Gegen die Schweiz legte er nach 37 Minuten den Ball mit der Hacke in den Lauf von Havertz, sprintete selbst weiter, nahm die Abprallung, drehte sich um 180 Grad und hämmerte die Kugel mit links unter die Latte. „Ich habe gefühlt, wie der Netzroller zittert – und dann war es still in meinem Kopf. Das hatte ich noch nie“, sagt er. Opta verzeichnet für ihn in diesem Spiel 0,98 erwartete Tore plus Vorlagen – sein bisheriger Länderspielrekord.

Der Mangel an Jamal Musiala wird zur Obsession. „Wir schreiben jeden zweiten Tag. Er schickt mir Videos, wie er mit der CR7-Maschine trainiert“, verrät Wirtz. Nagelsmann plant, beide erst einmal nur 45 Minuten gemeinsam zu bringen – aber in einem 3-4-3, das auf Papier wie ein 4-2-4 wirkt. Die Botschaft: explosive Kleingruppen statt großer Kreise. „Wenn Jamal zurückkommt, werden wir nicht相加, wir werden multiplizieren“, sagt Wirtz und klatscht in die Hände.

Die wm steht auf messers schneide

Die wm steht auf messers schneide

Die Mediziner geben Musiala 72 Stunden vor dem ersten Gruppenspiel eine 70-Prozent-Chance. Wirtz lacht verschwörerisch: „Dann muss er eben 30 Prozent Wirtz-Energie tanken.“ Fakt ist: Ohne den Bayern-Mann lief Deutschmanns Offensive in den letzten drei Länderspielen nur 0,89 Tore pro 90 Minuten – mit ihm 2,31. Der Drop ist messbar, und Wirtz weiß, dass sein Traumtor nur dann Geschichte wird, wenn Musiala dabei ist.

Am Rande des Interviews holt er sein Handy raus. Die letzte Nachricht von Nagelsmann: „Denk daran: Der Gegner fürchtet nicht dein Gewicht, sondern deine Wendigkeit.“ Wirtz grinst. „Ich habe geantwortet: Dann lass mich eben ein bisschen leichter wirken.“ Die Antwort des Bundestrainers kam sofort: „Gewicht ist relativ – Entschlossenheit nicht.“

Die WM liegt 82 Tage vor der Tür. Wirtz wird nicht mehr der Junge sein, der im Oktober noch seinen Eingeweihten-Status suchte. Er wird der sein, der aus der Delle herausgeschossen ist – mit einem Stempel, der nun sogar auf der Insel Spuren hinterlässt.