Geister warnt: sportvereine verlieren die demokratie-wehrhaftigkeit

Stefan Geister schlägt mit der Faust auf den Tisch – nicht wörtlich, aber mit Worten, die ins Mark treffen. Der Vorstands­manager von L’Oréal und Mitgründer von VEREINITY sieht deutschen Sportvereilen die demokratische Grundlage wegrutschen, wenn sie ihre Satzungen nicht jetzt umbauen.

Ein drittel der bevölkerung fühlt sich fremd im eigenen land

Die Zahl steckt im Kopf des Ostwestfalen wie ein Splitter. „Wenn wir nicht handeln, verlieren Vereine ihre Schutzfunktion gegen antidemokratische Kräfte“, sagt er im Podcast „Flutlicht an!“. Sein Gegenmittel: neue Satzungen, in denen sportliche und demokratische Werte verankert sind – bevor Rechtspopulisten in den Vorständen die Mehrheit holen.

Geister kennt die Statuten­realität. „Die meisten lesen sich wie Betriebs­anleitungen: wer wann wo Schleifen zu tragen hat“, spottet er. Dabei fehlt das, was Vereine eigentlich ausmacht: Offenheit, Teilhabe, Respekt. Sein Verein VEREINITY checkt seit Oktober 2024 Vereinssatzungen, liefert Ergänzungs­texte und drängt auf rechtliche Nachtestierung. Strafkataloge gegen Rassismus oder Sexismus? Geister liefert die Formulierungen gleich mit.

Arminia bielefeld als lehrstück

Arminia bielefeld als lehrstück

Der gebürtige Bielefelder schwärmt von schmalen Kabinengängen an der Alm, wo sich die Arminia seit 1905 demokratisch organisiert. Dort lernte er, dass Zugehörigkeit nicht abstrakt ist, sondern riecht nach Rasen und nach Brühe um halb vier. „Wenn wir diese Heimat­gefühle denen überlassen, die Menschen ausschließen wollen, verlieren wir mehr als drei Punkte am Wochenende“, warnt er.

Die Uhr tickt. Für Satzungs­änderungen braucht es eine Zweidrittelmehrheit – in vielen Regionen schon heute kaum noch macherisch. Geister rechnet vor: In ländlichen Fußball­kreisen drohen Stimmen­engpässe, weil sich Demokratie­müde zurückziehen und Aktivisten aus dem rechten Spektrum die Gremien infiltrieren. „Dann reden plötzlich sie über Mitglieds­beiträge und Schieds­gerichte, während wir über Menschen­rechte schweigen.“

Kindheitserfahrungen als brandbeschleuniger

Kindheitserfahrungen als brandbeschleuniger

Die Eltern des Managers kamen als Flüchtlings­kinder aus Ostpreußen und Schlesien. „Wer weiß, was es heißt, nirgends dazuzugehören, versteht, warum Vereine Tore aufmachen müssen, statt zu schließen“, sagt er. Bei L’Oréal verankert er DEIB – Diversity, Equity, Inclusion, Belonging – in Stellen­ausschreibungen und Förder­programmen. Jetzt exportiert er das Prinzip in die Sport­basis.

Geisters Appell ist messerscharf: Vereine sollen sich nicht länger auf staatliche Fördergelder verlassen, ohne Gegen­leistung zu erbringen. „Wer Steuer­vorteile kassiert, muss sich auch verfassungs­treu verhalten – Punkt.“ Dafür braucht es keine neue Bundes­liga, sondern handlungs­fähige Ehren­ämter. VEREINITY stellt Leitfäden, Schablonen und Juristen­netzwerke kostenlos zur Verfügung. Die einzige Bedingung: Die Vereine müssen handeln, bevor die Mehrheits­verhältnisse kippen.

Die rechnung geht auf – oder sie explodiert

Die rechnung geht auf – oder sie explodiert

Bis 2028 will Geister 10.000 Vereine erreicht haben. Klingt ehrgeizig, ist aber realistisch, wenn man die Verbandsebene mitnimmt. Schon jetzt zeigen Studien, dass Sporttreibende offener für demokratische Werte sind, wenn ihre Vereine das auch kommunizieren. Die Gegen­rechnung: Ausgrenzung führt zu Radikalisierung, sinkende Mitglieder­zahlen, wegfallende Jugend­förderung – ein Teufels­kreis, der am Ende auch den Profi­sport trifft.

Geister bleibt keine Zeit für akademische Debatten. „Wir reden hier über Verfassungs­schutz auf Kommunal­ebene, nicht über Power­Point“, schließt er das Gespräch. Wer jetzt noch wartet, spielt nicht nur mit Punkten, sondern mit der Demokratie. Die Uhr läuft – und der Schiedsrichter pfeift nicht ab.