Wie ein englischer gattenwunsch italiens cricket-hegemonie erschuf

15 Kilometer südlich von Bologna sitzt der kleine Ort Pianoro auf einem Haufen von Trophäen, von denen ganz Italien träumt. 15 Scudetti, 6 Pokale, ein Europapokal – und das in einer Sportart, die hierzulande sonst kaum jemand versteht. Cricket. Die Geschichte dahinter beginnt 1983 in einer Mittelschule und mit einem einzigen Satz: „Könntest du mir helfen, ein Team auf die Beine zu stellen? Mein englischer Kollege will wie zu College-Zeiten spielen.“

Die geburt einer dynastie in der schulturnhalle

Arcido „Arcy“ Parisi, 78, früher Lehrer, heute ewiger Präsident, wusste damals noch nicht mal, wie man einen Cricketball hält. Er versammelte, was vorhanden war: ein paar britische Kumpels, eigene Schüler, Cousins, Nachbarn. So entstand der Pianoro-Bologna Cricket Club. Sechs Jahre später spaltete sich die Truppe – die Föderation wollte mehr Mannschaften – und der Pianoro Cricket Club begann, die nationale Serie A zu dominieren.

Die Zahlen sind schlicht: 15 Meistertitel seit 1983, sechs Coppa Italia, 1995 der Triumph im Europacup der Klubs. Kein italienisches Team kommt auch nur in die Nähe. Die 18.000-Einwohner-Gemeinde verwandelt sich an Wochenenden in ein Mini-Wembley, wo die Straßenkicker vom Bolzplatz nebenan plötzlich Lbw und Googly rufen lernen.

Italiens cricket-geheimnis: 2.000 lizenzspieler, ein einziger heros-verein

Italiens cricket-geheimnis: 2.000 lizenzspieler, ein einziger heros-verein

Lächelt man über 2.000 offizielle Cricket-Lizenzen in ganz Italien, vergisst man leicht, dass die Azzurri bereits bei einer Weltmeisterschaft standen. Indien und Sri Lanka 2026, Vorrunde, drei Niederlagen, ein Sieg gegen Nepal – historisch genug. Doch während die Nationalmannschaft erst nach zehnjähriger Quali-Reise ihren Stellenwert fand, lief in Pianoro schon längst der Profibetrieb.

Der Grund: kontinuierliche Jugendarbeit. An jedem Mittwoch öffnet der Club seine Netze für Neugierige, unabhängig von Hautfarbe oder Pass. Die Schlagkäfige stehen neben dem Tennisplatz, die Weiß-Flanell-Tradition trifft auf Espresso am Rande des Platzes. Wer hier einmal gespielt hat, bleibt – und holt Titel.

Die italienische Cricket-Föderation, gegründet 1980, beobachtet das mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist Pianoro ihr Aushängeschild, andererseits verengt die Dominanz den Wettbewerb. Serie A ohne Pianoro? Undenkbar. Mit Pianoro? Fast schon langweilig. Die Lösung: ein zweites Team des Clubs wurde 2021 in die Serie B abgeschoben – als Farmteam für Nachwuchsstars.

Der nächste Coup steht bevor. Im Mai 2025 findet in Rom das erste europäische Club-Super-6-Turnier statt – und Gastgeber ist nicht etwa der traditionsreiche Genoa Cricket and Football Club, sondern der kleine Ort mit dem englischen Kollegen im DNA-Faden. Für Arcy Parisi ist das kein Zufall: „Wer 40 Jahre lang gewinnt, bekommt irgendwann auch die Austragungsrechte.“

Italien wird also weiter über Fußball und Volleyball reden. Aber wer die Zahlen kennt, weiß: Im stillen Pianoro wurde längst entschieden, wer in Italien Cricket-Geschichte schreibt. Und das war nicht Rom, Mailand oder Turin – sondern ein paar Freunde, ein Lehrer und ein Engländer, der einfach nur so spielen wollte wie damals im College.