Wenger schreibt das abseits neu – kanada testet den angriffsfußball

Arsène Wenger greift nach dem Abseits. Der ehemalige Arsenal-Coach lässt ab März in der Canadian Premier League eine Regel testen, die Tore schaffen soll – und die Verteidigung verrückt spielen lässt.

Wengers kernidee: nur noch kompletter körper vor dem letzten mann zählt

Seit November 2019 lenkt der Franzose die globale Fußball-Entwicklung für die Fifa. Sein Ziel: mehr Offensive, mehr Spektakel, mehr Netzgerausch. Die Lösung lautet „Daylight Offside“. Ein Spieler steht erst dann abseits, wenn sein gesamter Körper hinter der letzten gegnerischen Linie liegt. Ein einzelner Zeh auf Höhe des Verteidigers reicht für ein legales Spiel – und das ohne Rückendeckung durch den Video-Assistenten.

Die Zahlen sprechen für ihn. Nach der WM 1990 in Italien sackte die Torquote pro Turnier auf 2,21 – ein Tiefststand, der den IFAB-Entscheidern Sorgenfalten bescherte. Die Reaktion: Abseits nur noch bei klarer Rückstandslinie. Seit dem VAR aber entscheiden Millimeter, ist der Vorteil wieder weg. „Wir haben das Spiel den Maschinen überlassen“, sagt Wenger. „Jetzt holen wir es zurück.“

Testlabor kanada: ein monat, acht stadien, unbegrenzte torschüsse

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Vom 2. März bis 2. April probiert die CPL die Variante in allen Pflichtspielen aus. Schiedsrichter erhalten keine neue Technik, nur eine neue Interpretationsanleitung. Die Liga, 2019 gegründet und ohne Abstieg, gilt als idealer Glücksspielort: junge Spieler, geringer Druck, hohe Laufbereitschaft. „Wenn das funktioniert, kommt die Regel zur IFAB-Sitzung 2025“, bestätigt CPL-Commissioner Mark Noonan.

Die ersten Trainingswochen zeigen schon den Effekt: Stürmer starten später, Abwehrreihen rutschen tiefer, weil ein einzelner Schritt zu vach ist. Torhüter klagen über verwirrende Linien, Co-Trainer zählen durchschnittlich sieben zusätzliche Torraumszenarien pro Halbzeit. „Es fühlt sich an wie Straßenfußball – mit dem Bein eines Profis“, sagt Pacific-FC-Stürmer Easton Ongaro, der in Testpartien bereits sechs Mal nach Wenger-Regel traf.

Die gegner: uefa und ifab blockieren, der rest der welt wartet

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Aleksander Čeferin warnte im Februar vor „Chaos auf kleinen Rängen“. Die Uefa fürchtet eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Reiche Ligen mit VAR behalten die Mikro-Abseits-Falle, ärmere ohne Video-Unterstützung müssen neue Linien lernen. Das Ifab lehnte den Vorschlag 2022 ab, nannte ihn „zu radikal“. Doch Wengers Zahlenarmut kennt keine Pause: In Jugendturnieren in Italien und Schweden stieg die Trefferquote um 11 Prozent, die Spielzeit ohne Unterbrechung um vier Minuten.

Für Kanada ist das Experiment auch politisch. Die Liga hofft auf internationale Aufmerksamkeit, neue TV-Partner und einen Exklusiv-Deal mit Datenfirmen, die die Bewegungsprofile der Spieler unter die Lupe nehmen. „Wir werden die meist analysierte zweite Liga der Welt“, sagt Noonan und meint das ernst.

Ausblick: abseits 2025 – ein kompromiss oder die große spaltung?

Die Ifab wird im März 2025 entscheiden. Favorisiert ist eine Staffelung: Profi-Ligen mit VAR behalten die alte Regel, alle anderen erhalten Wenger-Plus. Die Folge: Ein Spieler wechselt von der CPL in die MLS und muss sein Timing neu einprogrammieren. Transfermarkt-Experten erwarten Preissprünge für Stürmer mit Raumgefühl, Scout-Abteilungen bauen Abteilungen für „Wenger-Analytics“ auf.

Wenger selbst bleibt kämpferisch: „Fußball muss für Fans gemacht werden, nicht für Ingenieure.“ Wenn der Test in Kanada die Torquote erhöht und die Verletzungsrate sinkt, zieht er den nächsten Schritt durch. Sein persönlicher Endzustand: kein Abseits mehr im eigenen Spielfeld – ein Gedanke, den selbst Johan Cruyff für verrückt hielt. Die CPL ist nur der Anfang. Die Frage ist nicht mehr, ob sich das Abseits ändert, sondern wie schnell der Rest der Welt mitzieht. Die Antwort steht am 2. April, wenn die ersten Daten in Toronto ausgewertet werden – und danach wird niemand mehr über Millimeter diskutieren, sondern über Meter.