Wenger schickt den fußball zurück in die zukunft: offensivwahn mit tor-garantie

Arsène Wenger jagt das Tor. Nicht irgendein Tor – er will Tore en masse, Schützenfeste, Spektakel. Der Ex-Arsenal-Coach, heute Chef der globalen Fußball-Entwicklung bei der FIFA, lässt seine umstrittene Offside-Revolution nicht im Papierkorb verschwinden. Ab März testet die kanadische Premier League seine „Daylight“-Regel. Ein Monat, 72 Stunden Spielzeit – und danach könnte der Fußball, wie wir ihn kennen, Makulatur sein.

Die regel im detail: nur vollbremsser sind strafbar

Wenger fordert, dass ein Stürmer erst dann abseits steht, wenn jeder Zentimeter seines Körpers hinter der letzten Verteidiger-Linie liegt. Hält sich auch nur eine Schulter, ein Zeh oder eine Haarsträhne auf Höhe, ist die Position legal. Die Idee klingt radikal, ist aber nur die konsequente Rückkehr zur Intention von 1990: Im Zweifel für den Angreifer. Damals beschloss der IFAB, das Abseits zugunsten offenerer Spiele zu lockern. Der VAR hat diese Philosophie laut Wenger „kastriert“. Seine Lösung: weg von der Pixel-Schere, hin zur Körper-Lichtung.

Die FIFA erhofft sich mehr Tore, mehr Tempo, mehr Emotionen. Zahlen aus Pilot-Turnieren in Italien und Schweden untermauern den Effekt: 17 Prozent mehr Treffer, durchschnittlich vier zusätzliche Offensiv-Aktionen pro Halbzeit. Kritiker warnen vor einer Abwehr-Schießbude und einem strategischen Rückfall in die Kick-and-Rush-Ära. Der europäische Verband UEFA lehnte das Projekt bisher ab, das IFAB schob es auf die lange Bank. Wengers Antwort: Er schickt die CSL als Glücksfaust ins Rennen.

Kanada wird zum labor – und wenger zum regel-gott

Kanada wird zum labor – und wenger zum regel-gott

Vom 2. bis 16. März laufen in der Canadian Premier League alle Partien nach Wenger-Modus. Referees erhalten eine neue Schulung, VAR-Generäle eine extra Checkliste, Fans eine Live-Demo. Sollte die Bilanz stimmen, will der Franzose bis Jahresende das IFAB überzeugen – mit Blick auf die Klub-WM 2025 und die WM 2026 in den USA, Kanada, Mexiko. Ein Durchbruch dort wäre mehr als eine Fußnote in der Geschichte der Sportgesetze.

Der Countdown läuft. Wer die Testphase verpasst, kann sich die Zusammenfassung auf FIFA+ ansehen. Die Datenanalysten von StatsBomb haben bereits ihre Modelle gezückt: Erwartete Tore plus 0,4 pro Spiel, Abseits-Pfiffe minus 38 Prozent. Klingt nach Computergeschwafel, ist aber die Währung, mit der Wenger in Zürich haushaltet. Seine Drohkulisse: Ein Nein des IFAB würde die internationale Länderspiel-Kalenderspirale weiter beschleunigen, weil Verbände dann eigene Regel-Tests starten. Die FIFA hätte ein Flickenteppich-Regelwerk, der Fußball ein Chaos.

Der Plan ist Wenger pur: elegant, rücksichtslos, mit Hang zur Totalrevision. Ob er durchkommt, entscheidet sich nicht in den Meetingräumen von Zürich, sondern auf dem kanadischen Kunstrasen. Dort, wo in vier Wochen jeder Pass, jeder Lauf, jedes Tor zählt – und kein Pixel zu viel. Sollte die „Daylight“-Regel das Zeitliche segnen, bleibt Wenger wenigstens eines: der Mann, der nie aufhörte, das Spiel neu zu erfinden. Und sollte sie Erfolg haben, schreibt der Franzose sich selbst ein Denkmal – aus puren Toren.