Wellinger will in vikersund den knoten platzen lassen
Die Saison war ein einziger Stotterstart, aber Andreas Wellinger kennt das Rezept: Er fliegt zurück an den Ort seines letzten Triumphs. In Vikersund, wo er vor zwölf Monaten noch jubelte, will der 30-Jährige dem Winter endlich die Trendwende entreißen.
Der monsterbakken als seelenbalsam
234 Meter Fluglinie, 140 Meter Bauhöhe – die Kulisse allein jagt manchem Konkurrenten kalte Schauer über den Rücken. Wellinger dagegen atmet auf, wenn er die steile Rampe am Rande des Hardangervidda sieht. Hier holte er 2025 seinen letzten Weltcupsieg, hier schraubte er sich auf 229,5 Meter und ließ die Konkurrenz alt aussehen. „Ich brauche keine extra Motivation, die Schanze spricht für sich“, sagt er knapp. Dahinter steckt mehr als Selbstvertrauen: Es ist pure Sehnsucht nach dem Gefühl, endlich wieder zu fliegen statt zu fallen.
Die Bilanz des Winters liest sich wie ein Lehrbuch für Frust. Mal Durchgang verpasst, mal Favoritenstellung verspielt, mal Windpech, mal Kopfpech. Sein bestes Resultat: Platz fünf am Kulm – auf einer Flugschanze. Die Botschaft ist klar: Wellinger braucht Luft unter den Skiern, um Luft unter den Flügeln zu bekommen.

Prevc dominiert, hollandt nimmt abschied
Während Wellinger um die Trendwende kämpft, schraubt Domen Prevc weiter an seiner Legende. Olympia, Vierschanzentournee, Gesamtweltcup, Skiflug-WM – der Slowene sammelt Titel wie andere Aufkleber. In Vikersund will er den vorläufigen Schlusspunkt setzen, bevor Planica die Saison endgültig einmauert. Seine Schwester Nika jagt ihren eigenen Rekord von 236 Metern – und damit das letzte Super-Weibchen-Statement des Winters.
Doch auch ein deutsches Kapitel endet auf der Flugschanze. Anna Hollandt springt ihre letzten beiden Wettkämpfe, bevor sie die Bretter an den Nagel hängt. 176 Meter sind ihre persönliche Bestmarke, sie will sie mindestens noch einmal ankratzen. „Ich will nicht nur Abschied nehmen, ich will mich verabschieden“, sagt sie. Das klingt nach einem Finale, das wehtun darf – und das vielleicht genau die emotionale Ladung liefert, die auch Wellinger braucht.
Die deutsche Mannschaft wirkt zusammengewürfelt, aber nicht chancenlos. Karl Geiger, Pius Paschke, Philipp Raimund – alle flugs erprobt, alle hungrig auf ein letztes Highlight. Bundestrainer Stefan Horngacher setzt auf „routinierte Flieger“, ein Euphemismus für erfahrene Sprinter, die sich nicht mehr viel erklären lassen. Der Österreicher weiß: In Vikersund zählt nicht die Form der letzten Wochen, sondern die des letzten Flugs.
Die Wetterlage spielt mit, die Tribünen sind ausverkauft, die Erwartungshaltung bleibt eisern. Für Wellinger ist Vikersund keine Neuanfang, sondern eine Rückkehr. Entweder er landet dort, wo er aufhörte zu siegen – oder er landet hart. Die Saison war ein einziger Stotterstart. Vikersund ist die letzte Chance, den Knoten zu durchschneiden, bevor der Winter endgültig verglüht.
