Weidle-winkelmann rast mit rang 22 ins neue terrain – und will mehr

Kira Weidle-Winkelmann ist gestern in Lillehammer über eine rote Schwunglinie hinaus in eine neue Karrierephase gesurft. Platz 22 beim Riesenslalom-Finale – klingt nach Nebenschauplatz, ist aber der Startschuss für ein Experiment, das die Speed-Queen selbst überrascht.

Die abfahrts-weltmeisterin entdeckt die kurven

30 Jahre, vier Speed-Podestplätze in diesem Winter, Silber aus der Team-Kombination – und nun ein Einstieg in eine Disziplin, die eigentlich Emma Aichers Revier ist. Weidle-Winkelmann fuhr 22 Hundertstel hinter Lena Dürr, 1,84 Sekunden hinter Siegerin Valérie Grenier. Die Zuschauer am Lysgardsbakken spürten: Die Münchnerin hatte keinen Druck, sie hatte Neugier. „Es hat Spaß gemacht“, sagte sie ins Eurosport-Mikro, und man hörte, dass sie es so meint – nicht wie jene Floskeln, die sonst durchs Interviewgedröhn sausen.

Die Fakten: Sie trat mit Startnummer 41 an, hatte nur zehn Trainingstage im Technikbereich, kannte die Steilkurven von Lillehammer nur aus Videoanalysen. Dennoch: Kein Ausfall, kein Riesen-Zitterer, stattdessen saubere Kantenwechsel und eine Zwischenzeit, die sie kurz vor dem zweiten Durchgang auf Rang 18 schob. Dass sie am Ende vier Hundertstel hinter Dürr landete, ist für Internationale keine Meldung – für das deutsche Lager ein Signal.

Der plan dahinter: speed bleibt könig, gs wird joker

Der plan dahinter: speed bleibt könig, gs wird joker

„Ich muss schauen, wie es zwischen den Speed-Rennen reinpasst“, betonte Weidle-Winkelmann. Übersetzt: Wenn im November in Sölden die Technik-Saison beginnt, wird sie voraussichtlich zuschauen. Aber wenn Anfang Dezember in Tremblant zwischen zwei Super-G-Kräften ein Riesenslalom aufpoppt, könnte ihr Name auftauchen. Der Grund: Trainingseffekt. Die Kurven schärfen den Blick für Speed-Linien, der Rhythmus schont die Beine, und die Variabilität schützt vor mentalem Stau.

DSV-Renndirektor Wolfgang Maier lässt sich das nicht nehmen: „Kira hat bewiesen, dass sie mit wenig Vorbereitung konkurrenzfähig ist. Wenn sie im Sommer 30 Tage Technik einstreut, steht sie im kommenden Winter vorne.“ Die Zahlen sprechen für ihn: In der Abfahrt liegt ihre durchschnittliche Geschwindigkeit bei 103,4 km/h, im Riesenslalom bei 68,2 km/h – ein Unterschied, der aber dieselbe Muskulatur und denselben Nervenkitzel bedient.

Was das bedeutet: die deutsche speed-truppe wird flexibel

Was das bedeutet: die deutsche speed-truppe wird flexibel

Mit Aicher, Dürr und jetzt möglicherweise Weidle-Winkelmann könnte das DSV-Team künftig in beiden Weltcup-Lagern punkten. Die Konkurrenz schaut auf. Mikaela Shiffrin hat bei der Siegerehrung bereits Emma Aicher gelobt, nun fragt sich das US-Team, ob die Deutsche Armee mit einer weiteren Allround-Kraft aufwartet. Die Antwort kommt spätestens im Dezember – wenn die Speed-Damen wieder in Lake Louise starten und zwischen zwei Flugbuchungen vielleicht mal eben nach Beaver Creek zum GS-Training umsteigen.

Weidle-Winkelmann selbst flog gestern Abend mit dem Privatjet des Verbandes nach München. Im Gepäck: ein zweiter Schlitten, den Technik-Coach Christian Schwaiger ihr geschenkt hat – „für die ersten Schwünge daheim auf dem Gletscher“. Sie lacht, nimmt ein Energy-Drink und verschwindet im Athletenhotel. Die Saison ist vorbei, der Vorhang für die nächste ist aufgezogen. Und wenn sie 2027 in Garmisch wieder die goldene Startnummer trägt, könnte ihre Sammlung neben zwei Podestplätzen eben auch einen Riesenslalom-Top-10-Eintrag haben. Das wäre keine Nebensache mehr – das wäre ein Statement.