Von platz 93 zum gold: vittozzis unglaubliche biathlon-wende
Lisa Vittozzi stand 2022 in Antholz noch auf Rang 93 – jetzt trägt sie Italiens erstes Olympia-Gold im Biathlon nach Hause. Ihre Rehkitz-Nummer nach dem Zielsprint war kein Knicks, sondern das Zeichen der Phönix-Taktik: Erst ausbrennen, dann auferstehen.
Der klassiker in antholz war nur der erste akt
Die 29-Jährige erzählte am Rande des Sanremo-Festivals, wie sie nach der 93. Platz-Katastrophe in Südtirol die Saison abbrach, sich mit Rückenschmerzen und Selbstzweifeln herumschlug und sich fragte, ob der Sport sie überhaupt noch liebt. „Ich habe meine Rechnung beglichen“, sagt sie knapp – und meint damit jene 9,8 km-Strecke, auf der sie in der Mixed-Staffel vor 40 000 Fans nicht einmal einen Fehler erlaubte.
Die Silbermedaille der Staffelleute war für sie emotional aufwendiger als der Einzel-Triumph. „Musik vor dem Start? Nie. Aber an dem Sonntag habe ich ausnahmsweise einen Song laufen lassen, damit das Stadion nicht in meinen Kopf kriecht.“ Der Track: Marracash. Der Effekt: Null Nervosität, volle Fokus-Kanalisierung.

Französinnen, achtung: 2030 spielt sie bei euch auswärts
Die nächste Herausforderung ist längst terminiert. „Vier Jahre sind lang, aber die Zeit rennt“, sagt Vittozzi und schielt bereits auf die Winterspiele in den französischen Alpen. Dort will sie gegen die bisher dominierenden Bleaus und Bescondons Revanche nehmen – und das, obwohl selbst ihre Mutter mittlerweile fragt, ob das reicht, „nachdem doch alles gewonnen ist“.
Antwort: „Noch nicht. Erst mal ein Jahr durchatmen, dann sehen wir weiter.“
Die Belastungsfraktur im Rücken von 2025 hat sie überwunden, nicht vergessen. „Wenn du mitten im Strudel stehst, glaubst du fest daran, dass daraus etwas Schönes wächst. Aber du musst dir selbst die Bremse ziehen, sonst überholt dich das Leben auf der Schneekuppe.“
Ein neues Tattoo ist bereits geplant – Motto noch geheim, Platzierung: Rippenbogen, wo früher der Schmerz saß. „Jeder wichtige Moment wird dokumentiert“, sagt sie und lacht über den Freund Marco, der mit Nadel und Farbe genauso wenig anfangen kann wie mit einem Rücktritt ihrer Klientin.

Tv, laufsteg, ruhe – reihenfolge egal
Obwohl Modelmaße und Medienrummel sie auf den Catwalk locken, schreckt sie zurück: „Ich bin zu schüchtern, um vor 500 Leuten zu posieren. Lieber schieße ich vor 30 000 – da kenne ich den Rhythmus.“
Die Quoten-Hoffnung des italischen Fernsehens wird erst mal nach Kontiolahti reisen, wo am Donnerstag die Weltcup-Saison weiterläuft. Danach steht die Hütte mit Waldohrenstille auf dem Programm – und danach? „Ich will, dass Biathlon öfter im Free-TV kommt. Wir haben Geschichten, die länger brennen als eine olympische Flamme.“
Die Botschaft ist klar: Wer 93. wurde und trotzdem zurückkommt, für den ist Rang eins keine Zufallszahl – sondern eine Einstellung.
