Vom rudergott zum schneewunder: ärztin schreibt paralympics-geschichte neu

Kathrin Marchand fliegt auf Skiern, die so schmal sind wie ein Stift. Vor zwölf Monaten landete sie noch im Pulverschnee. Jetzt jagt sie durch den Fleimstal-Trail und wird zur ersten Athletin, die an drei Olympia-Versionen startet. London, Rio, Paris – und nun Tesero. Die 35-jährige Kölnerin macht keine Pause, sie macht Historie.

Von der ruderebene in die loipe

2012 strich sie mit dem Achter über die Themse, 2016 paddelte sie im Zweier durch Lagune und Guanabara-Bucht. Platz sieben, Platz acht. Keine Medaille, aber ein Name in den Protokollen. Dann kam der 1. September 2021. Spinning-Bike, Wohnzimmer, linke Körperhälfte taub. Als Ärztin kannte sie die Symptome – Schlaganfall, Überlebenschance unter fünf Prozent. Statt zu sterben, wechselte sie die Disziplin. Paris 2024 folgte als Ruderin mit Handicap, vierte Platz, Traumaus. Sie dachte, fertig. Der DBS-Ausdauerbeauftragte fragte nebenbei: „Langlauf mal probiert?“

Ein Parkplatz vor dem Müngersdorfer Stadion, asphaltiert, keine Spur Schnee. Stattdessen Rollski. Marchand sagte Ja, weil Nein langweilig ist. Seitdem lebt sie in zwei Welten: halbe Stelle Honorar in der Orthoparc-Klinik, zwei Wochen pro Monat Stützpunkt Freiburg. Sie kündigte die Festanstellung, behielt die Leidenschaft. Dezember 2025: WM Toblach, Platz sechs über zehn Kilometer. Finsterau, Weltcup, zweimal Rang vier. Eine Ärztin, die sich selbst verschreibt: mehr Speed, mehr Risiko.

10. März sprint, 11. märz distanz – und dann vielleicht bronze

10. März sprint, 11. märz distanz – und dann vielleicht bronze

Sie startet im 1,3-km-Sprint und im 10-km-Klassik. Gegnerinnen aus Norwegen, Ukraine, USA. Marchand kennt ihre Nerven vom Ruderkanal, jetzt testet sie sie auf Gleitwachs. Medaille? „Würde ein Traum in Erfüllung gehen“, sagt sie und klingt dabei wie jemand, der weiß, dass Träume Arbeit heißen. Ihr Blickfeld ist um ein Drittel reduziert, also schaut sie fokussierter. Koordinationsstörungen links, also stützt sie sich stärker auf den rechten Stab. Die Technik ist noch roh, der Wille schon olympisch.

Finanzierung: Berufsunfähigkeitsrente, 1 050 Euro aus der Sporthilfe, drei Sponsoren, Honorare aus der Klinik. Gold im Doppelzweier bei WM und EM 2025 nebenbei. Sommer-Paralympics 2028 in Los Angeles stehen auf dem Plan. Ihr Motto: „Das Leben hält viel bereit, wenn man mit offenen Armen läuft.“ Oder mit Skiern, je nach Jahreszeit.

Marchand wird nicht nur die Loipe verlassen, sondern auch eine Botschaft: Katastrophen sind keine Endpunkte, nur Abzweige. Wer nach dem Schlaganfall noch schneller wird, der braucht keine Metaforen – nur gutes Wachs und eine Startnummer. Tesere zählt nicht nur die Zeit, sondern auch die Geschichte. Und die trägt momentan Spuren von Köln und vom Klinikalltag. Wer sieht, wie sie im Ziel einholt, sieht jemanden, der schon einmal dem Tod davongelaufen ist. Da wird Rang drei zur Fußnote und Rang eins im Leben zur Hauptschlagzeile.