Vittozzi zieht in oslo den kopf aus der schlinge – und schreibt märchenende

Lisa Vittozzi spuckte Schnee, atmete durch und traute ihren Augen nicht: Nach einem Fehler im ersten Anschlag jagte sie in der Mass-Start-Jagd von Holmenkollen wie ein Gespenst durch die Nacht – und schlug Hanna Öberg im Sprint um 0,8 Sekunden. Die 31-Jährige holte ihren ersten Mass-Start-Sieg, den vierten der Saison, den zehnten der Karriere. Fertig ist das Album: Olympiasieg, WM-Gold, jetzt auch die Trophäe, die ihr noch fehlte.

Der lauf, der alles versöhnte

Es begann mit einem Patzer, endete mit einem Klassiker. Vittozzi lag nach dem ersten Schießen auf Platz 34, kroch auf Rang 13, schob sich auf Fünf, schließlich auf Zwei – und flog im letzten Looping an Öberg vorbei. Die Schwedin blieb stehen, als hätte sie einen Dämon gesehen. Dahinter lachte Tereza Voborníková (0+0+0+1) über Bronze, doch alle redeten nur über die Italienerin.

Die Zahl, die lautet: 39 Podestplätze in 128 Weltcups. Sechs davon Olympia oder WM. Ihre 935 Gesamtweltcup-Punkte bedeuten Rang drei hinter Justine Braisaz-Bouchet (1.135) und Öberg (958). In der Mass-Start-Wertung springt sie auf Platz zwei – 186 Punkte, nur 59 hinter Franziska Preuß.

Was niemand sah

Was niemand sah

Vor dem Start noch ein Gespräch mit Federica Brignone, der Ski-Langläuferin. „Ich habe sie gefragt, wie sie mit Magenkrämpfen umgeht“, verriet Vittozzi. „Sie sagte: ‚Lauf, als wäre nichts. Der Schmerz kommt später.‘“ Die 31-Jährige lachte, aber ihre Stimme zitterte. „Ich war mir nicht sicher, ob ich starte. Dann dachte ich: Wenn ich jetzt aufhöre, ist die Saison trotzdem vorbei. Also bin ich raus, und habe alles gegeben.“

Der Rest ist ein Tweet, der in Italien viral ging: „Ich habe Brignone gesagt, wenn ich gewinne, trinken wir in Oslo heiße Schokolade aus dem Pokal.“

Die Athleten verabschieden sich in die Sommerpause. Vittozzi nimmt den Pokal mit, und ein Foto: Sie lächelt, die Zähne glänzen wie frisch gewachst. Dahinter der Holmenkollen, der in der Dämmerung aussieht wie ein riesiges Tor zur Hölle – oder eben zum Paradies. Für sie war es diesmal das zweite.