Vfb suhl schmeißt den giganten stuttgart raus und träumt vom double

Der Block von Roosa Laakkonen war noch nicht gelandet, da lag Kapitänin Annika Hinz schon auf dem Parkett – Hände vorm Gesicht, Tränen, Körper zitternd. In der SAP-Arena tobten 5.000 Suhler Anhänger, während auf dem Feld die zweite Pokal-Sensation innerhalb von sieben Tagen perfekt war. 3:2 gegen Stuttgart, Endstand 15:13 im Tiebreak, und plötzlich steht der VfB Suhl im Halbfinale des DVV-Pokals – als einzige Mannschaft, die den haushohen Favoriten in dieser Saison schon zweimal bezwungen hat.

Der plan, der stuttgart erstickt

Trainer Laszlo Hollosy hatte vor dem Spiel nur eine Botschaft: „Macht ihnen den zweiten Ball unbequem.“ Was klingt wie Standard-Klub-Code, wurde zur Nahkampftaktik. Jeder liberoartige Stuttgarter Annahme wurde von Suhls Mitte sofort attackiert, jede vermeintliche Auszeit der Schwaben mit zwei schnellen Punkten beantwortet. Die Folge: 25:17, 25:18Doppelsatzvorsprung nach 42 Minuten, MTV-Coach Felix Koslowski hatte noch kein Timeout gezogen.

Erst als Hollosy seine Rotation verlangsamte, um Energie zu sparen, erwachte Stuttgart. Kimberly Drewniok servierte drei Asse in Serie, Laura Künzler fand die Lücke zwischen Außen und Mitte – plötzlich lag Suhl hinten. „Wir haben gedacht: Okay, die machen jetzt den Fehler“, sagt Zuspielerin Lina Alsmeier. Den machten sie nicht. Weil Laakkonen im Tiebreak zwei Blöcke in Folge setzte und weil Hinz mit dem Ellbogen einen Ball aus dem Netz kratzte, der längst als verloren galt.

Die finnin, die die mauer brach

Die finnin, die die mauer brach

Roosa Laakkonen kam 2023 aus dem finnischen Kuortane – ein Tauschgeschäft, das in Suhl intern als „Risiko mit Upside“ geführt wurde. Gegen Stuttgart war sie die Waffe: 6 Blockpunkte, 67 % Angriffsquote, dazu der Matchball, der mit 92 km/h genau auf die 3-Meter-Linie donnerte. „Ich hab letztes Jahr noch auf der Tribüne gesessen und mir ein Bild von den Finals gemacht“, sagt die 24-Jährige. „Heute bin ich Teil dieses Bildes.“

Das Büro des VfB liegt 300 Meter von der Saar-Autobahnausfahrt entfernt. Dort hängt seit Samstagabend ein selbstgemaltes Banner: „Wir schreiben Geschichte – Seite zwei folgt am Mittwoch.“ Denn dann geht’s nach Schwerin, zum amtierenden Meister, der Suhl in der Liga noch nicht gesehen hat. Hollosy lacht, als er gefragt wird, ob seine Mannschaft nun Angst bekommt vor dem eigenen Anspruch. „Angst? Die haben wir abgelegt, als wir Stuttgart das erste Mal schlugen. Jetzt wollen wir das große Finale.“

Die Zahlen sprechen für sich: zehn Siege in Folge, nur ein Satzverlust seit Januar, 1.200 verkaufte Auswärtstickets für Schwerin innerhalb von drei Stunden. Der VfB Suhl ist kein Aufreger mehr – er ist der Außenseiter, der plötzlich mit dem Double liebäugelt. Und Annika Hinz? Die steht nach dem Abpfiff noch immer auf dem Feld, trägt den Pokal wie ein Baby im Arm und sagt: „Wenn uns jemand vor der Saison ein Angebot für zwei Titel gemacht hätte, wir hätten ihn für verrückt erklärt.“ Nun sind sie selbst der Wahnsinn – und keiner weiß, wann er endet.