Vfb stuttgart in porto: ristic glaubt ans wunder – „unsere zeit ist gekommen“

Es ist 28 Jahre her, da stand Sreto Ristic im St.-Denis-Stadion von Paris und verlor mit dem VfB Stuttgart das Finale des Europapokals der Pokalsieger. Am Donnerstagabend sitzt er vor dem Fernseher, schaut nach Porto und hofft, dass die neue Generation das tut, was seiner nie gelang: den Schwaben-Traum auf europäische Krone wieder wachküssen.

1:2 aus dem Hinspiel, ein Tor Rückstand, 90 Minuten pure Existenz. Das ist das Achtelfinal-Rückspiel in der Europa League. Porto, Estádio do Dragão, 21 Uhr – dort wo sich echte Drachen nicht zweimal bitten lassen. Und dort wo der VfB beweisen muss, dass er mehr ist als ein Bundesliga-Phänomen mit Schönwetter-Fußball.

Atakan karazor schwört auf „großen fight“

Kapitän Atakan Karazor spricht kein Wolkenkuckucksheim. „Wir müssen kaltblütig sein, aber mit dem Herz von Stuttgart spielen“, sagt er. Kein Pathos, nur Programm. Denn die Zahlen sind gnadenlos: Wer in der Europa-League-Geschichte nur ein Tor hinten liegt, kommt nur zu 24 Prozent weiter. „Statistiken sind für Statistiker“, kontert Karazor. Er war es, der nach dem Leipzig-Sieg (1:0) mit erhobenem Arm durch die Arena lief und den Funken erkannte: Diese Mannschaft kann kurzfristig Wunden kauterisieren.

Trainer Sebastian Hoeneß muss diese Eigenschaft in Porto in Rekordzeit abrufen. Das 3:3 in Heidenheim, das 2:2 in Mainz – sie ließen Lücken offen, die Porto kaltblütig nutzte. „Wir haben gelernt, dass jedes kleine Verschlafen bestraft wird“, sagt Hoeneß. Deshalb wird er wohl auf die Doppelsechs Karazor/Stiller setzen, Deniz Undav als falsche Neun und Chris Führich als Hybridflügel, der zwischen den Linien die Portugiesen zerreißen soll.

Ristic erinnert sich: „wir hatten angst vor dem eigenen mut“

Ristic erinnert sich: „wir hatten angst vor dem eigenen mut“

Der 52-Jährige erlebte 1998 hautnah, wie sich Chancen in Luft zersetzen. „Wir hatten Angst vor dem eigenen Mut“, sagt er heute. Seine These: Diese Trägheit kennt der aktuelle Kader nicht. „Die Jungs wissen, dass sie nichts zu verlieren haben, aber alles zu gewinnen.“ Deshalb prophezeit er kein 0:0, sondern ein offenes Schauspiel. „Wenn Stuttgart früh trifft, wird das Stadion laut, aber nicht unzerbrechlich.“

Die Wahrheit liegt im Takt. Porto presst früh, schaltet um wie ein Uhrwerk, aber: Die Gegenpressing-Statistik des VfB ist in der Bundesliga Spitze (Balleroberung nach 7,1 Sekunden im Mittel). Wenn Stuttgart dieses Tempo aufzieht, wird es eng für die Hausherren. Dann kann ein Tor reichen, um die Köpfe zum Zittern zu bringen.

Der plan: frust in funken verwandeln

Der plan: frust in funken verwandeln

Fabian Wohlgemuth, Sportvorstand, nennt es „Mikro-Management der Emotionen“. Die 1:2-Niederlage im Mercedes-Benz-Stadion war ein Lehrstück: Zu viele emotionale Fehler, zu viele gelbe Karten. „Wir haben gelernt, dass Disziplin kein Fremdwort ist, sondern ein Werkzeug“, sagt Wohlgemuth. Deshalb trainierte Hoeneß diese Woche an Standards, an Laufwegen, an kleinen Signalen. Die Botschaft: Wer früh reagiert, spart spät Energie.

Die Spieler verstanden. Silas kam nach dem Leipzig-Spiel mit Schnee von der Schulter in die Mixed-Zone und sagte nur: „Wir wissen, was wir tun.“ Kein Satz für Mikrofone, sondern für sich selbst. Genau das macht den VfB gefährlich: Er ist jung genug, um zu träumen, und reif genug, um zu wissen, dass Träume Arbeit sind.

Um 23 Uhr wird das Stadion entweder jubeln oder verstummen. Dazwischen liegt ein Tor, ein Moment, eine Entscheidung. Wenn der VfB sie trifft, wartet im Viertelfinale Midtjylland oder Nottingham – keine Unbezwingbaren, sondern Machbare. Sreto Ristic wird dann wieder vor dem Fernseher sitzen, diesmal mit dem Lächeln des Mannes, der weiß: Manchmal braucht es 28 Jahre, bis Geschichte sich wiederholt – nur andersherum.